Joseph Haynd – Die Jahreszeiten

 

 

D E R   F R Ü H L I N G

 

Nr. 1 -  Einleitung (Largo - Vivace)

 

Die Einleitung stellt den Übergang vom Winter zum Frühling vor.

 

 

Rezitativ

 

SIMON                 Seht, wie der strenge Winter flieht!

                             Zum fernen Pole zieht er hin.

                             Ihm folgt auf seinen Ruf

                             der wilden Stürme brausend Heer,

                             mit grässlichem Geheul.

 

LUKAS                Seht, wie vom schroffen Fels der Schnee

                             in trüben Strömen sich ergießt!

 

HANNE               Seht, wie von Süden her

                             durch laue Winde sanft gelockt,

                             der Frühlingsbote streicht!

 

Nr. 2 -  Chor des Landvolks

 

CHOR                  Komm, holder Lenz! Des Himmels Gabe, komm!

 

FCHOR               Er nahet sich, der holde Lenz,

                             schon fühlen wir den linden Hauch,

                             Aus ihrem Todesschlaf erwecke die Natur!

                             bald lebet alles wieder auf.

 

MCHOR              Frohlocket ja nicht allzufrüh,

                             oft schleicht, in Nebel eingehüllt,

                             der Winter wohl zurück,

                             und streut auf Blüt' und Keim

                             sein starres Gift

 

CHOR                  Komm, holder Lenz, des Himmels Gabe, komm!

                             Auf unsre Fluren senke dich!

                             O komm, holder Lenz, und weile länger nicht!

 

Nr. 3 -  Rezitativ

 

SIMON                 Vom Widder strahlet jetzt

                             die helle Sonn' auf uns herab.

                             Nun weichen Frost und Dampf

   und schweben laue Dünst' umher;

   der Erde Busen ist gelöst,

  erheitert ist die Luft.

 

Nr. 4 -  Arie

 

SIMON                 Schon eilet froh der Ackermann

                             zur Arbeit auf das Feld,

                             in langen Furchen schreitet er

   dem Pfluge flötend nach.

   In abgemessnem Gange dann

                            wirft er den Samen aus,

                            den birgt der Acker treu und reift

                            ihn bald zur gold'nen Frucht.

                             Schon eilet froh ...

 

Nr. 5 -  Rezitativ

 

LUKAS                Der Landmann hat sein Werk vollbracht

                             und weder Müh' noch Fleiß gespart.

                             Den Lohn erwartet er aus Händen der Natur

                             Und fleht darum den Himmel an.

 

 

Nr. 6 -  Terzett mit Chor (Bittgesang)

 

LUKAS             Sei nun gnädig, milder Himmel!

Öffne dich und träufe Segen

über unser Land herab.

 

CHOR               Sei nun gnädig, milder Himmel!

Öffne dich und träufe Segen

über unser Land herab.

 

LUKAS            Lass deinen Tau die Erde wässern!

 

SIMON              Lass Regenguss die Furchen tränken!

 

 

HANNE            Lass deine Lüfte wehen sanft,

                          lass deine Sonne scheinen hell!

ALLE                Uns sprießet Überfluß alsdann,

                          und deiner Güte Dank und Ruhm.

CHOR               Sei nun gnädig, milder Himmel!      

                          Öffne dich und träufe Segen                                         

                          Über unser Land herab.

  

Nr. 7  - Rezitativ

 

HANNE            Erhört ist unser Fleh'n,

                          der laue West erwärmt

                          und füllt die Luft

mit feuchten Dünsten an.

Sie häufen sich; nun fallen sie

und gießen in der Erde Schoß

                          den Schmuck und Reichtum der Natur.

 

Nr. 8 -  Freudenlied

 

HANNE            O wie lieblich ist der Anblick

                          der Gefilde jetzt!

Kommt, ihr Mädchen, lasst uns wallen,

lasst uns wallen auf der bunten Flur.

 

LUKAS             O wie lieblich ist der Anblick

                          der Gefilde jetzt!

Kommt, ihr Bursche, lasst uns wallen,

lasst uns wallen zu dem grünen Hain.

 

CHOR               O wie lieblich ist der Anblick

                          der Gefilde jetzt!

Kommt, ihr Bursche, lasst uns wallen,

lasst uns wallen zu dem grünen Hain.

 

HANNE            Seht die Erde, seht die Wasser,

                          seht die helle Luft!

 

LUKAS             Alles lebet, alles schwebet, alles reget sich.

 

HANNE            Seht die Lämmer, wie sie springen!

 

LUKAS             Seht die Fische, welch Gewimmel!

 

HANNE            Seht die Bienen, wie sie schwärmen!

 

LUKAS             Seht die Vögel, welch Geflatter!

 

CHOR               Alles lebet, alles schwebet,

                          alles reget sich.

Welche Freude, welche Wonne

schwellet unser Herz!

                          Süße Triebe, sanfte Reize

                          heben unsre Brust!

 

SIMON              Was ihr fühlet, was euch reizet,

                          ist des Schöpfers Hauch.

 

CHOR               Lasst uns ehren, laßt uns loben,

                          lasst uns preisen ihn!

                          Lasst erschallen, ihm zu danken,

                          eure Stimmen hoch!

                          Es erschallen, ihm zu danken,

                          unsre Stimmen hoch!

                          Ewiger, mächtiger, gütiger Gott!

 

H L S                Von deinem Segensmahle

                          Hast du gelabet uns.

 

MCHOR           Mächtiger Gott!

 

H L S                Vom Strome deiner Freuden

                          Hast du getränket uns..

                          Gütiger Gott!

 

CHOR               Ewiger, mächtiger, gütiger Gott!

 

SIMON              Ewiger!

 

LUKAS             Mächtiger!

 

HANNE            Gütiger Gott!

 

CHOR               Ehre, Lob und Preis sei dir,

                          ewiger, mächtiger, gütiger Gott!                      


 


D E R   S O M M E R

 

Nr. 9 -  Einleitung und Rezitativ

 

Die Einleitung stellt die Morgendämmerung vor.

 

LUKAS             In grauem Schleier rückt heran

                          das sanfte Morgenlicht.

Mit lahmen Schritten weicht vor ihm

die träge Nacht zurück.

                          Zu düstren Höhlen flieht

                          der Leichenvögel blinde Schar;

                          ihr dumpfer Klageton

                          beklemmt das bange Herz nicht mehr.

 

SIMON              Des Tages Herold meldet sich;

                          mit scharfem Laute rufet er

                          zu neuer Tätigkeit

                          den ausgeruhten Landmann auf.

 

Nr. 10 - Arie und Rezitativ

 

SIMON              Der muntre Hirt versammelt nun

                          Die frohen Herden um sich her,

zur fetten Weid' auf grünen Höh'n

treibet er sie langsam fort.

Nach Osten blickend steht er dann,

auf seinem Stabe hingelehnt,

zu seh'n den ersten Sonnenstrahl,

welchem er entgegen harrt.

 

HANNE            Die Morgenröte bricht hervor,

wie Hauch verflieget das leichte Gewölk,

der Himmel pranget im hellen Azur,

der Berge Gipfel im feurigen Gold.

 

Nr. 11 - Terzett und Chor

 

HANNE            Sie steigt herauf, die Sonne, sie steigt.

 

H L                    Sie naht, sie kommt.

 

CHOR               Sie scheint in herrlicher Pracht,

                          in flammender Majestät!

                          Heil, o Sonne, Heil!

Des Lichts und Lebens Quelle, Heil!

O du des Weltalls Seel und Aug,

                          der Gottheit schönstes Bild!

                          Dich grüßen dankbar wir!

 

H L S                Wer spricht sie aus, die Freuden alle,

                          die deine Huld in uns erweckt?

                          Wer zählet sie, die Segen alle,

                          die deine Mild auf uns ergießt?

 

CHOR               Die Freuden! O wer spricht sie aus?

                          Die Segen! O wer zählet sie?

                          Wer spricht sie aus? Wer zählet sie? Wer?

 

HANNE            Dir danken wir, was uns ergötzt.

 

LUKAS             Dir danken wir, was uns belebt.

 

SIMON              Dir danken wir, was uns erhält.

H L S                Dem Schöpfer aber danken wir,

                          was deine Kraft vermag

.CHOR              Heil! O Sonne Heil!

Des Lichts und Lebens Quelle, Heil!

Dir jauchzen alle Stimmen,

dir jauchzet die Natur.

 

Nr. 12 - Rezitativ

 

SIMON              Nun regt und bewegt sich alles umher;

ein buntes Gewühl bedecket die Flur.

Dem braunen Schnitter neiget sich

                          der Saaten wallende Flut.

Die Sense blitzt - da sinkt das Korn.

Doch steht es bald und aufgehäuft

in festen Garben wieder da.

 

LUKAS             Die Mittagssonne brennet jetzt in voller Glut

                          und gießt durch die entwölkte Luft

ihr mächtiges Feu'r in Strömen hinab.

Ob den gesengten Flächen schwebt,

                          in nieder'm Qualm, ein blendend Meer

                          von Licht und Widerschein.

 

Nr. 13 -  Kavatine

 

LUKAS             Dem Druck erlieget die Natur.

Welke Blumen, dürre Wiesen, trockne Quellen,

alles zeigt der Hitze Wut,

                          und kraftlos schmachten Mensch und Tier

                          am Boden hingestreckt.

 

Nr. 14 -  Rezitativ

 

HANNE            Willkommen jetzt, o dunkler Hain,

                          wo der bejahrten Eiche Dach

                          kühlenden Schirm gewährt,

und wo der schlanken Espe Laub

mit leisem Gelispel rauscht!

Am weichen Moose rieselt da

in heller Flut der Bach,

und fröhlich summend irrt und wirrt

die bunte Sonnenbrut.

Der Kräuter reinen Balsamduft

verbreitet Zephirs Hauch,

                          und aus dem nahen Busche tönt

                          des jungen Schäfers Rohr.

Nr. 15  - Arie

 

HANNE            Welche Labung für die Sinne!

                          Welch' Erholung für das Herz!

                          Jeden Aderzweig durchströmet,

und in jeder Nerve bebt erquickendes Gefühl.

Die Seele wachet auf zum reizenden Genuss,

und neue Kraft erhebt durch milden Drang die Brust.

 

Nr. 16 -  Rezitativ

 

SIMON              O seht! Es steiget in der schwülen Luft

                          am hohen Saume des Gebirgs

                          von Dampf und Dunst ein fahler Nebel auf.   Empor gedrängt, dehnt er sich aus,

                          und hüllet bald den Himmelsraum

                          in schwarzes Dunkel ein.

 

LUKAS             Hört, wie vom Tal ein dumpf Gebrüll

                          den wilden Sturm verkünd't!

                          Seht, wie von Unheil schwer,

die finstre Wolke langsam zieht,

und drohend auf die Ebne sinkt.

 

HANNE            In banger Ahnung stockt das Leben der Natur:

                          Kein Tier, kein Blatt beweget sich,

                          und Todesstille herrscht umher.

 

Nr. 17  - Chor

 

CHOR               Ach, das Ungewitter naht!

Hilf uns, Himmel! O wie der Donner rollt!

O wie die Winde toben! Wo fliehn wir hin?

Flammende Blitze durchwühlen die Luft;

den zackigen Keilen berstet die Wolke,

und Güsse stürzen herab.

Wo ist Rettung? Wütend rast der Sturm;

der weite Himmel entbrennt. Weh uns Armen!

Schmetternd krachen Schlag auf Schlag

die schweren Donner fürchterlich.

Weh uns! Weh uns!

Erschüttert wankt die Erde

bis in des Meeres Grund.

 

Nr. 18 - Terzett und Chor

 

LUKAS             Die düstren Wolken trennen sich;

                          gestillet ist der Stürme Wut.

 

HANNE            Vor ihrem Untergange

blickt noch die Sonn' empor,

                          und vor dem letzten Strahle glänzt

                          mit Perlenschmuck geziert die Flur.

 

SIMON              Zum langgewohnten Stalle kehrt

                          gesättigt und erfrischt das fette Rind zurück.

 

LUKAS             Dem Gatten ruft die Wachtel schon.

 

HANNE            Im Grase zirpt die Grille froh.

 

SIMON              Und aus dem Sumpfe quakt der Frosch.

 

L    H S              Die Abendglocke tönt.

                          Von oben winkt der helle Stern

                          und ladet uns zur sanften Ruh.

 

MCHOR           Mädchen, Bursche, Weiber, kommt!

                          Unser wartet süßer Schlaf;

                          wie reines Herz, gesunder Leib

und Tagesarbeit ihn gewährt.

 

FCHOR            Wir gehn, wir gehn, wir folgen euch.

 

ALLE                Die Abendglocke hat getönt.

                          Von oben winkt der helle Stern,

                          und ladet uns zur sanften Ruh.


D E R   H E R B S T 

 

Nr. 19 - Einleitung und Rezitativ

 

Der Einleitung Gegenstand ist des Landmanns freudiges Gefühl über die reiche Ernte.

 

HANNE            Was durch seine Blüte

                          der Lenz zuerst versprach,

                          was durch seine Wärme

                          der Sommer reifen hieß,

zeigt der Herbst in Fülle

dem frohen Landmann jetzt.

 

LUKAS             Den reichen Vorrat fährt er nun

                          auf hochbeladnen Wagen ein.

Kaum fasst der weiten Scheune Raum,

was ihm sein Feld hervorgebracht.

 

SIMON              Sein heitres Auge blickt umher,

es misst den aufgetürmten Segen ab,

und Freude strömt in seine Brust.

 

Nr. 20 - Terzett mit Chor

 

SIMON              So lohnet die Natur den Fleiß;

                          ihn ruft, ihn lacht sie an,

                          ihn muntert sie durch Hoffnung auf,

ihm steht sie willig bei;

                          ihm wirket sie mit voller Kraft.

 

H L                    Von dir, o Fleiß, kommt alles Heil.

                          Die Hütte, die uns schirmt,

                          die Wolle, die uns deckt,

die Speise, die uns nährt

                          ist deine Gab', ist dein Geschenk.

 

H L S                O Fleiß, o edler Fleiß!

                          Von dir kommt alles Heil.

 

HANNE            Du flößest Tugend ein,

                          und rohe Sitten milderst du.

 

LUKAS             Du wehrest Laster ab

                          und reinigest der Menschen Herz.

 

SIMON              Du stärkest Mut und Sinn

                          zum Guten und zu jeder Pflicht.

 

ALLE                O Fleiß, o edler Fleiß!

                          Von dir kommt alles Heil.

 

Nr. 21 - Rezitativ

 

HANNE            Seht, wie zum Haselbusche dort

                          die rasche Jugend eilt!

                          An jedem Aste schwinget sich

                          der Kleinen lose Schar,

und der bewegten Staud' entstürzt

gleich Hagelschau'r die lock're Frucht.

 

SIMON              Hier klimmt der junge Bau'r

                          den hohen Stamm entlang,

                          die Leiter flink hinauf.

Vom Wipfel, der ihn deckt,

sieht er sein Liebchen nahn,

und ihrem Tritt entgegen

fliegt dann im trauten Scherze

die runde Nuss herab.

 

LUKAS             Im Garten stehn um jeden Baum

die Mädchen groß und klein,

dem Obste, das sie klauben,

in frischer Farbe gleich.

 

Nr. 22  - Duett

 

LUKAS             Ihr Schönen aus der Stadt, kommt her!

                          Blickt an die Töchter der Natur,

die weder Putz noch Schminke ziert.

Da seht mein Hannchen, seht!

                          Ihr Schönen kommt,

blickt an die Töchter der Natur,

die weder Putz noch Schminke ziert.

Da seht mein Hannchen, seht!

Ihr blüht Gesundheit auf den Wangen,

im Auge lacht Zufriedenheit,

und aus dem Munde spricht das Herz,

wenn sie mir Liebe schwört.

 

HANNE            Ihr Herrchen süß und fein, bleibt weg!

                          Hier schwinden eure Künste ganz,

                          und glatte Worte wirken nicht,

                          man gibt euch kein Gehör.

Nicht Gold, nicht Pracht kann uns verblenden,

ein redlich Herz ist, was uns rührt;

                          und meine Wünsche sind erfüllt,

                          wenn treu mir Lukas ist.

 

LUKAS             Blätter fallen ab, Früchte welken hin,

                          Tag und Jahr vergehn, nur meine Liebe nicht.

 

HANNE            Schöner grünt das Blatt,

                          süßer schmeckt die Frucht,

                          heller glänzt der Tag,

                          wenn deine Liebe spricht.

 

H L                    Welch ein Glück ist treue Liebe!

Unsre Herzen sind vereinet,

 trennen kann sie Tod allein.

 

LUKAS             Liebstes Hannchen!

 

HANNE            Liebster Lukas!

 

H L                    Lieben und geliebet werden

                          Ist der Freuden höchsterGipfel,

                          ist des Lebens Wonn’ und Glück.

 

Nr. 23  - Rezitativ

 

SIMON              Nun zeiget das entblößte Feld

                          der ungebetnen Gäste Zahl,

                          die an den Halmen Nahrung fand

und irrend jetzt sie weiter sucht.

Des kleinen Raubes klaget nicht

der Landmann, der ihn kaum bemerkt;

dem Übermaße wünscht er doch

nicht ausgestellt zu sein.

Was ihn dagegen sichern mag,

sieht er als Wohltat an,

und willig fröhnt er dann zur Jagd,

die seinen guten Herrn ergötzt.

 

Nr. 24 - Arie

 

SIMON              Seht auf die breiten Wiesen hin!

Seht wie der Hund im Grase streift!

Am Boden suchet er die Spur

und geht ihr unablässig nach.

                          Jetzt aber reißt Begierd' ihn fort,

er horcht auf Ruf und Stimme nicht mehr.

Er eilet zu haschen ... da stockt sein Lauf,

                          und steht er unbewegt wie Stein.

                          Dem nahen Feinde zu entgehn,

                          erhebt der scheue Vogel sich,

doch rettet ihn nicht schneller Flug.

Es blitzt, es knallt, ihn erreichet das Blei,

                          und wirft ihn tot aus der Luft herab.

 

Nr. 25 - Rezitativ

 

LUKAS             Hier treibt ein dichter Kreis

                          die Hasen aus dem Lager auf.

Von allen Seiten hingedrängt

hilft ihnen keine Flucht.

                          Schon fallen sie, und liegen bald

                          in Reihen freudig hingezählt.

 

Nr. 26 - Chor

 

CHOR               Hört das laute Getön,

das dort im Walde klinget.

Welch ein lautes Getön

durchklingt den ganzen Wald!

                          Es ist der gellenden Hörner Schall,

                          der gierigen Hunde Gebelle.

Schon flieht der aufgesprengte Hirsch,

ihm rennen die Doggen und Reiter nach.

Er flieht, er flieht, o wie er sich streckt!

O wie er springt, o wie er sich streckt!

                          Da bricht er aus den Gesträuchen hervor

und läuft über Feld in das Dickicht hinein.

Jetzt hat er die Hunde getäuscht,

zerstreuet schwärmen sie umher.

                          Die Hunde sind zerstreut,

sie schwärmen hin und her.

                          Tajo! Tajo Tajo!

Der Jäger Ruf, der Hörner Klang

versammelt aufs neue sie,

Ho, ho, ho! Tajo!

                          Mit doppeltem Eifer stürzet nun

der Haufe vereint auf die Fährte los.

Tajo! Tajo! Tajo!

                          Von seinen Feinden eingeholt,

an Mut und Kräften ganz erschöpft,

erlieget nun das schnelle Tier.

Sein nahes Ende kündigt an

des tönenden Erzes Jubellied,

der freudigen Jäger Siegeslaut: Halali!

 

Nr. 27 - Rezitativ

 

HANNE            Am Rebenstocke blinket jetzt

die helle Traub im vollen Safte,

                          und ruft dem Winzer freundlich zu,

                          dass er zu lesen sie nicht weile.

 

SIMON              Schon werden Kuf' und Fass

                          zum Hügel hingebracht,

                          und aus den Hütten strömet

                          zum frohen Tagewerk das muntre Volk herbei.

 

HANNE            Seht, wie den Berg hinan

von Menschen alles wimmelt!

Hört, wie der Freudenton

von jeder Seit' erschallet!

 

LUKAS             Die Arbeit fördert lachender Scherz,

                          vom Morgen bis zum Abend hin,

                          und dann erhebt der brausende Most

die Fröhlichkeit zum Lustgeschrei.

 

Nr. 28 - Chor

 

CHOR               Juhe, der Wein ist da,

                          die Tonnen sind gefüllt,

                          nun lasst uns fröhlich sein,

                          und juhe, juhe, ju,

                          aus vollem Halse schrei'n!

Lasst uns trinken, trinket Brüder,

lasst uns fröhlich sein!

Lasst uns singen, singet alle,

                          lasst uns fröhlich sein!

                          Es lebe der Wein!

            Es lebe das Land, wo er uns reift!

            Es lebe das Faß, das ihn verwahrt!

            Es lebe der Krug, woraus er fließt!

            Es lebe der Wein!

                          Kommt, ihr Brüder!

            Füllt die Kannen, leert die Becher,

            lasst uns fröhlich sein,

                          und juhe, juhe, ju

                          aus vollem Halse schrein!

                          Juhe, es lebe der Wein!

            Nun tönen die Pfeifen

            und wirbelt die Trommel,

            und wirbelt und wirbelt die Trommel.

                          Hier kreischet die Fiedel,

                          da schnarret die Leier

           und dudelt der Bock.

            Schon hüpfen die Kleinen,

            und springen die Knaben;

            dort fliegen die Mädchen

           im Arme der Bursche

                          den ländlichen Reih'n!

                          Heißa, hoppsa, laßt uns hüpfen!

            Ihr Brüder kommt! Laßt uns springen!

                          Die Kannen füllt, laßt uns tanzen!

            Die Becher leert,

            heida, laßt uns fröhlich sein!

            Jauchzet, lärmet, juhe, ju!

            Springet, tanzet, heißa, hoppsa!

            Nun fassen wir den letzten Krug,

                          und singen dann im vollen Chor

                          dem freudenreichen Rebensaft!

            Es lebe der Wein, der edle Wein,

            der Grillen und Harm verscheucht!

            Sein Lob ertöne laut und hoch,

           in tausendfachem Jubelschall.

           Heida, lasst uns fröhlich sein,

           aus vollem Halse schrein.


D E R   W I N T E R

 

Nr. 29 - Einleitung und Rezitativ

 

SIMON              Nun senket sich das blasse Jahr

                          und fallen Dünste kalt herab.

                          Die Berg' umhüllt ein grauer Dampf,

                          der endlich auch die Flächen drückt,

und am Mittage selbst

                          der Sonne matten Strahl verschlingt.

 

HANNE            Aus Lapplands Höhlen schreitet her

der stürmisch düstre Winter jetzt.

Vor seinem Tritt erstarrt

                          in banger Stille die Natur.

 

Nr. 30 - Cavatine

 

HANNE            Licht und Leben sind geschwächet,

Wärm' und Freude sind verschwunden.

Unmutsvollen Tagen folget

schwarzer Nächte lange Dauer.

 

Nr. 31 - Rezitativ

 

LUKAS             Gefesselt steht der breite See,

gehemmt in seinem Laufe der Strom.

Im Sturze vom türmenden Felsen hängt

gestockt und stumm der Wasserfall.

Im dürren Haine tönt kein Laut.

Die Felder deckt, die Täler füllt

ein' ungeheure Flockenlast.

                          Der Erde Bild ist nun ein Grab,

wo Kraft und Reiz erstorben liegt,

wo Leichenfarbe traurig herrscht,

und wo dem Blicke weit umher

nur öde Wüstenei sich zeigt.

 

Nr. 32 - Arie

 

LUKAS             Hier steht der Wandrer nun,

verwirrt und zweifelhaft,

                          wohin den Schritt er lenken soll.

                          Vergebens suchet er den Weg,

                          ihn leitet weder Pfad noch Spur.

Vergebens strenget er sich an,

                          und watet durch den tiefen Schnee;

                          er find't sich immer mehr verirrt.

                          Jetzt sinket ihm der Mut,

                          und Angst beklemmt sein Herz,

da er den Tag sich neigen sieht,

und Müdigkeit und Frost

ihm alle Glieder lähmt.

Jetzt sinket ihm der Mut,

                          und Angst beklemmt sein Herz,

doch plötzlich trifft sein spähend Aug'

der Schimmer eines nahen Lichts.

                          Da lebt er wieder auf,

                          vor Freude pocht sein Herz.

                          Er geht, er eilt der Hütte zu,

                          wo starr und matt er Labung hofft.

 

Nr. 33 - Rezitativ

 

LUKAS             So wie er naht, schallt in sein Ohr,

durch heulende Winde nur erst geschreckt,

heller Stimmen lauter Klang.

 

HANNE            Die warme Stube zeigt ihm dann

                          des Dörfchens Nachbarschaft

                          vereint im trauten Kreise,

den Abend zu verkürzen,

                          mit leichter Arbeit und Gespräch.

 

SIMON              Am Ofen schwatzen hier

                          von ihrer Jugendzeit die Väter,

zu Körb' und Reusen flicht die Weidengert',

und Netze strickt der Söhne

                          muntrer Haufe dort.

                          Am Rocken spinnen die Mütter,

am laufenden Rade die Töchter;

und ihren Fleiß belebt

                          ein ungekünstelt frohes Lied.

 

Nr. 34 - Lied mit Chor

 

CHOR               Knurre, schnurre, knurre,

                          schnurre, Rädchen, schnurre!

 

HANNE            Drille, Rädchen, lang und fein,

                          drille fein ein Fädelein,

                          mir zum Busenschleier.

 

CHOR               Knurre, schnurre, knurre,

                          schnurre, Rädchen, schnurre!

 

HANNE            Weber, webe zart und fein,

                          webe fein das Schleierlein,

                          mir zur Kirmessfeier.

 

CHOR               Knurre, schnurre, knurre,

                          schnurre, Rädchen, schnurre!

 

HANNE            Außen blank und innen rein

muss des Mädchens Busen sein,

wohl deckt ihn der Schleier.

 

CHOR               Knurre, schnurre, knurre,

                          schnurre, Rädchen, schnurre!

 

HANNE            Außen blank und innen rein

fleißig, fromm und sittsam sein,

locket wack're Freier.

 

CHOR               Außen blank und innen rein

fleißig, fromm und sittsam sein,

locket wack're Freier.

 

Nr. 35 - Rezitativ

 

LUKAS             Abgesponnen ist der Flachs,

                          nun steh'n die Räder still.

                          Da wird der Kreis verengt,

und von dem Männervolk umringt,

zu horchen auf die neue Mär,

die Hanne jetzt erzählen wird.

 

Nr. 36 - Lied mit Chor

 

HANNE            Ein Mädchen, das auf Ehre hielt,

                          liebt' einst ein Edelmann,

                          da er schon längst nach ihr gezielt,

traf er allein sie an.

Er stieg sogleich vom Pferd und sprach:

Komm, küsse deinen Herrn!

Sie rief vor Angst und Schrecken: Ach!

Ach ja, von Herzen gern.

 

CHOR               Ei, ei, ei, ei, warum nicht nein?

 

HANNE            Sei ruhig, sprach er, liebes Kind,

                          und schenke mir dein Herz!

                          Denn meine Lieb ist treu gesinnt,

nicht Leichtsinn oder Scherz.

                          Dich mach ich glücklich,

                          nimm dies Geld, den Ring, die gold'ne Uhr,

                          und hab ich sonst, was dir gefällt,

                          o sag's und fordre nur.

 

CHOR               Ei, ei, ei, ei, das klingt recht fein.

 

HANNE            Nein, sagt sie, das wär' viel gewagt,

                          mein Bruder möcht' es sehn,

                          und ackert hier uns allzunah,

sonst könnt es wohl geschehn.

Schaut nur, von jenem Hügel da,

könnt ihr ihn ackern sehn.

 

CHOR               Ho, ho, ho, ho, was soll das sein?

 

HANNE            Indem der Junker geht und sieht,

                          schwingt sich das lose Kind

                          auf seinen Rappen und entflieht

                          geschwinder als der Wind.

Lebt wohl! rief sie, mein gnäd'ger Herr,

so räch ich meine Schmach!

Ganz eingewurzelt stehet er

und gafft ihr staunend nach.

 

CHOR               Ha, ha, ha, ha, das war recht fein.

 

Nr. 37 - Rezitativ

 

SIMON              Von dürrem Oste dringt

ein scharfer Eishauch jetzt hervor.

Schneidend fährt er durch die Luft,

verzehret jeden Dunst

und hascht des Tieres Odem selbst.

Des grimmigen Tyranns,

des Winters Sieg ist nun vollbracht,

und stummer Schrecken drückt

den ganzen Umfang der Natur.

 

Nr. 38 - Arie

 

SIMON              Erblicke hier, betörter Mensch,

erblicke deines Lebens Bild!

Verblühet ist dein kurzer Lenz,

erschöpfet deines Sommers Kraft.

Schon welkt dein Herbst dem Alter zu,

schon naht der bleiche Winter sich

und zeiget dir das offne Grab.

Wo sind sie nun, die hoh'n Entwürfe,

die Hoffnungen von Glück,

                          die Sucht nach eitlem Ruhme,

                          der Sorgen schwere Last?

                          Wo sind sie nun, die Wonnetage,

                          verschwelgt in Üppigkeit?

                          Und wo, und wo die frohen Nächte,

                          im Taumel durchgewacht?

                          Verschwunden sind sie wie ein Traum.

                          Nur Tugend bleibt.

Die bleibt allein und leitet uns

unwandelbar durch Zeit und Jahreswechsel,

durch Jammer oder Freude

                          bis zu dem höchsten Ziele hin.

 

Nr. 39 - Terzett und Doppelchor

 

SIMON              Dann bricht der große Morgen an,

                          der Allmacht zweites Wort erweckt

                          zum neuen Dasein uns,

                          von Pein und Tod auf immer frei.

 

L S                    Die Himmelspforten öffnen sich,

                          der heil'ge Berg erscheint.

Ihn krönt des Herren Zelt,

wo Ruh und Friede thront.

 

CHOR               Wer darf durch diese Pforten gehn?

 

H L S                Der Arges mied und Gutes tat.

 

CHOR               Wer darf besteigen diesen Berg?

 

H L S                Von dessen Lippen Wahrheit floß.

 

CHOR               Wer darf in diesem Zelte wohnen?

 

H L S                Der Armen und Bedrängten half.

 

CHOR               Wer wird den Frieden dort genießen?

 

H L S                Der Schutz und Recht der Unschuld gab.

 

CHOR               O seht! Der große Morgen naht.

                          O seht, er leuchtet schon!

                          Die Himmelspforten öffnen sich,

                          der heil'ge Berg erscheint.

                          Vorüber sind, verbrauset sind

die leidensvollen Tage,

                          des Lebens Winterstürme.

                          Ein ew'ger Frühling herrscht,

und grenzenlose Seligkeit

wird der Gerechten Lohn.

 

H   L S              Auch uns werd' einst ein solcher Lohn!

                          Lasst uns wirken, laßt uns streben!

 

CHOR               Lasst uns kämpfen! Lasst uns harren,

                          zu erringen diesen Preis!

                          Uns leite deine Hand,

                          o Gott, verleih uns Stärk und Mut!

                          Dann gehen wir ein

                          In deines Reiches Herrlichkeit.

                          Amen. Amen.

 

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