Vorgestellt: Musikalischer "Vorreiter" um 1500 Drucken

Josquin des Préz: Missa Pange Lingua

Thumbnail imageInsgesamt 18 Messvertonungen werden im allgemeinen musikwissenschaftlichen Konsens als authentische Werke von Josquin des Préz angenommen. Die Missa Pange lingua stellt mit großer Wahrscheinlichkeit den Abschluss dieser großartigen Werkreihe dar; sie entstand während der letzten Lebensjahre Josquins in dessen Alterssitz Condé sur l’escaut. Hier hielt sich Josquin nach seinen musikalischen Anstellungen in Paris, Mailand, Rom und Ferrara ab 1504 bis zu seinem Tod 1521 dauerhaft auf. Offiziell war er in Condé als Propst der Kollegiatkirche angestellt und genoss in diesem hohen Klerikeramt zahlreiche Privilegien. Er empfing ein beträchtliches Gehalt, besaß Haus und Grund in der Stadt, während sich seine liturgischen Verpflichtungen in Grenzen hielten. Auf dieser Basis konnte er sich in Ruhe und Konzentration seiner musikalischen Arbeit widmen.

Hinsichtlich ihrer musikalischen Gestaltung ist die Missa Pange lingua ein außergewöhnliches Werk, wendet doch Josquin hier zum ersten Mal in konsequenter Form die sogenannte Imitationstechnik an. Ein Motiv wird dabei nicht als Cantus firmus durchgehend in nur einer Stimme (etwa dem Tenor) zitiert, sondern in allen vier Stimmen gleichberechtigt kontrapunktisch bearbeitet. Das thematische Material schöpft der Komponist aus dem gregorianischen Hymnus „Pange lingua“, der einen Lobpreis der in Christi Leib und Blut verwandelten Opfergaben Brot und Wein darstellt und für die Liturgien des Gründonnerstags sowie des Fronleichnam-Festes vorgesehen ist. Der Text dieses Hymnus wird Thomas von Aquin (1225–1274) zugeschrieben, die markante phrygische Melodie ist ganz sicher noch wesentlich älter und geht möglicherweise auf das Jahr 1000 zurück.

Mit der bekannten Pange-lingua-Melodie geht Josquin des Préz allerdings so frei um, wie mit keinem anderen Thema in seinen Messkompositionen. So ist die Choralmelodie in ihrer vollständigen, sechszeiligen Gestalt lediglich zweimal, nämlich am Anfang (Kyrie) und am Schluss (Agnus Dei III) des Werkes, zu hören. In den dazwischen liegenden umfangreichen Teilen ist der Hymnus zwar ständig präsent, aber immer nur in kürzeren Auszügen, die Josquin überdies entweder paraphrasiert oder aber ausweitet bzw. verkürzt. Zuweilen werden sogar Zeilen der Originalmelodie zu einer einzigen Linie verschmolzen. Darüber hinaus übernimmt die Musik mehrfach eine textauslegende Funktion. Beim „Et incarnatus est“, dem Bekenntnis der Menschwerdung Christi im Credo, versiegt plötzlich der imitatorische Stimmfluss, stattdessen erklingt ein schlichter akkordischer Satz. Eine aufsteigende Tonleiter dagegen symbolisiert kurze Zeit später bei „Et ascendit in coelum“ die Himmelfahrt Christi. Schließlich sind auch die häufigen Tonwiederholungen beim Textabschnitt „Et iterum venturus est cum gloria judicare vivos et mortuos“ auffällig: Ahmen sie die Posaunenklänge nach, die laut der Offenbarung des Johannes die Ankunft des Weltenrichters begleiten?

Mit der Missa Pange lingua ist Josquin also wieder einmal „Vorreiter“. Als erster Komponist befreite er sich in überzeugender und konsequenter Weise vom bislang herrschenden Cantus-firmus-Zwang und stellte somit seinen formenden Genius über die musikalische Tradition. Der Cantus firmus ist für ihn nicht mehr unantastbares Gesetz, sondern Material zur kreativen Arbeit. Mit der Kenntnis dieser letzten Messe Josquins ist auch der berühmte Ausspruch Martin Luthers verständlicher: „Josquin ist der noten meister, die [Noten] habens müssen machen, wie er wolt; die andern Sangmeister müssens machen, wie es die noten haben wöllen.“

28.05.2010
Bernhard Schrammek

Aufführungen:

18.09.2010, Thalbürgel
23.10.2010, Heilbronn
24.10.2010, Crailsheim

Kammerchor Josquin des Prez Leipzig
Leitung: Ludwig Böhme

Werktext

Hymnus Pange Lingua

Pange lingua gloriosi
Corporis mysterium,
Sanguinisque pretiosi,
Quem in mundi pretium
Fructus ventris generosi,
Rex effudit gentium.

Tantum ergo Sacramentum
Veneremur cernui:
Et antiquum documentum
Novo cedat ritui:
Praestet fides supplementum
Sensuum defectui.

Genitori, Genitoque
Laus et iubilatio,
Salus, honor, virtus quoque
Sit et benedictio:
Procedenti ab utroque
Compar sit laudatio.
Amen.

Preise, Zunge, das Geheimnis
dieses Leibs voll Herrlichkeit
und des unschätzbaren Blutes,
das, zum Heil der Welt geweiht,
Jesus Christus hat vergossen,
Herr der Völker aller Zeit.

Laßt uns tiefgebeugt verehren
ein so großes Sakrament,
dieser Bund wird ewig währen
und der alte hat ein End'.
Unser Glaube soll uns lehren,
was das Auge nicht erkennt.

Gott, dem Vater und dem Sohne
sei Lob, Preis und Herrlichkeit
mit dem Geist auf höchstem Throne,
eine Macht und Wesenheit!
Singt in lautem Jubeltone:
Ehre der Dreieinigkeit!
Amen.