Fanny Källström: „Tiden har sin gång“ — Die Zeit nimmt ihren Lauf
Die Offenheit für neu komponierte sowie selten gesungene Chormusik ist seit Anbeginn ein Anliegen der Hamburger Singakademie (gegr. 1819).
Der durch die Pandemie auf 14 Frauen abgeschmolzene, traditionsreiche, gemischte Chor ist nach der Übernahme der Leitung durch Frederike Sagebiel Anfang 2022 wieder auf ein Niveau von 40 Sänger*innen gewachsen. In dieser Zeit hat sich der Chor verstärkt besonderen Konzertformaten gewidmet. Dazu gehören neben z.B. einem Gesprächskonzert (2024) auch die beiden Konzerte am 9. und 10. Mai 2026 in Pinneberg und Hamburg mit der deutschen Erstaufführung der schwedischen Volksmesse im deutschen Sprachraum. „Tiden har sin gång“ ist eine Komposition der schwedische Folkmusikerin, Geigerin und Komponistin Fanny Källström (*1995). Sie ist mit diesem Werk in Schweden bekannt geworden und erhielt dafür in ihrer Heimat zwei hoch dotierte Preise. Zum 4-stimmigen Chor kamen in der Aufführung eine Sopranistin, die auch Kulning-Technik beherrscht, zwei Geigen, die vertraut sind mit Folkmusik, ein Kontrabass sowie eine Truhenorgel hinzu. Die Hamburger Singakademie sang die Messe auf Schwedisch —eine kleine Herausforderung für den Chor.
Fanny Källström begann die Messe während der Pandemie zu schreiben, um für sich Antworten auf die Leere von Zeit und Ereignissen (Pandemie, Beginn des Ukrainekriegs) zu finden und um Trost und Glauben zu vermitteln. Die von ihr neu komponierte Volksmusik umfasst sowohl Polkas, Walzer und Märsche als auch Lieder. Dabei beabsichtigte sie zunächst, den originalen Messtext zu verwenden, merkte aber schnell, dass sie mit diesem nur bedingt ihre Gefühle ausdrücken konnte. So entstand auf der inhaltlichen Basis des traditionellen Messtextes eine eigene Version, in der sie ihre Verbundenheit mit Natur und ihrer schwedischen Heimat ausdrückt und die eine moderne Version von Glauben vermittelt.
„Die Zeit vergeht und das Leben ist vergänglich, sowohl das Gute als auch das Schwere und Dunkle, und ich denke, dass darin etwas Tröstliches liegt. Das Einzige, was wir Menschen wirklich tun können, ist das Schöne und Helle in der Welt und in allen Menschen während der kurzen Zeit, die wir hier auf Erde haben, zu genießen, während die Zeit ihren Lauf nimmt.“ (Fanny Källström im Vorwort, Körpartitur©20243, Gehrmans Musikförlag AB)
Die Musik beinhaltet Elemente von klassischer Musik, Folk-/Volksmusik sowie Sakralmusik. In ihrer Schlichtheit berührte sie bei den Aufführungen Musiker-und Zuhörer*innen gleichermaßen. Besonders hervorzuheben sind zwei Sätze, die beide zweimal in dem Stück vorkommen: Der „Kleine Psalm“ mit einer eindringlichen, schlichten Melodie wird zunächst vom Chor auf Schwedisch gesungen. Beim zweiten Mal, an späterer Stelle in der Messe, soll er vom Publikum mitgesungen werden. Dafür hatte die Hamburger Singakademie diesen schwedischen Text in eine singbare deutsche Version übertragen. Da die Melodie sehr eingängig ist, sang das Auditorium bei beiden Konzerten dabei kräftig mit. Der mitreißendste Satz ist die Sommerpolka; auch sie wird einmal im ersten Teil und dann am Ende gesungen und gespielt. Mit dieser schwungvollen und euphorisierenden Musik entließ das Ensemble die Zuhörer-und Musik*innen in glücklicher und gelöster Stimmung. Publikum und teilnehmende Musiker*innen bedankten sich überschwänglich beim Chor und gingen beseelt nach Hause.
Rosemarie Walter, Brigitte Arndt-Uhlich
Anmerkung des VDKC: Notenmaterial des Stückes und ein Video sind auf der Seite des schwedischen Gehrmans Musikförlag zu finden.
07.07.2026



