Eindrucksvolle Konzerte und Begegnungen an der US-Ostküste
Elf Tage auf USA-Tournee: Vier Konzerte, drei Gottesdienste, ebenso viele Chor-Begegnungen, zwei Schulbesuche.
50 Sänger des Neuen Knabenchores Hamburg, vom neunjährigen Knabensopran bis zu manch erwachsener Männerstimme, erlebten im Oktober 2025 Eindrucksvolles. Mit ihrem Chorleiter Jens Bauditz ging es entlang der Ostküste von Washington (D.C.) über Baltimore (Maryland) und Atlanta (Georgia) bis nach Macon (Georgia).
Kaum ist Heinrich Schütz' „Also hat Gott die Welt geliebt“ in der National Cathedral, dem zweitgrößten Kirchenbau der Vereinigten Staaten, verhallt, müssen wir schon weiter. Enger Zeitplan am dritten Tourneetag. Bereits zur Mittagszeit hatten wir im Amphitheater der benachbarten St. Albans School eine Tiersegnung – zahlreiche Hunde und eine Schlange waren zugegen – musikalisch gestaltet. Am Abend schließlich erwartet uns in der Little Sanctuary – auf dem Campus der nach dem christlichen Märtyrer benannten Privatschule – ein Konzert mit den Männerstimmen des Children's Chorus of Washington (Leitung: Don Cotton) und den National Cathedral and St. Albans School Madrigal Singers (Leitung: Frank J. Van Atta). Jeder Chor singt aus seinem Repertoire, am Ende vereinen wir uns im Spiritual „There is More Love Somewhere“.
in Washington, D.C. (Jens Bauditz)
Vielleicht unser außerordentlichstes Reiseerlebnis findet tags darauf in der Garrison Elementary School statt; die Deutsche Botschaft hatte uns den Besuch an ihrer diesjährigen Patenschule organisiert. Principal Brigham Kiplinger begrüßt, mit nur einem Handzeichen herrscht andächtige Stille im Saal. Und voller Neugier und Disziplin lauschen die Wildcats fortan unserem halbstündigen Morgenkonzert. Anschließend stellen die fünften Klassen noch Fragen von Musik bis Fußball. Nur in einem Moment weicht die Ruhe einem wilden Lärm: Als Schulrektor Kiplinger (nicht) versehentlich die Zahlen sechs und sieben erwähnt. „Six Seven“ schallt es aus allen Kehlen, emsig gestikulieren alle Hände … „Six Seven“, so werden unsere Älteren aufgeklärt, ist ein viraler Internethit, dessen Ursprünge in einem Rap-Song und Social-Media-Meme liegen.
Zum offensichtlichen Touristenprogramm von Washington, D.C. gehört die National Mall, jener knapp fünf Kilometer lange Grünstreifen im Herzen der Hauptstadt. Gleich am zweiten Reisetag spazieren wir vom United States Capitol, vorbei am Washington Monument, rechts davon The White House, bis zum Lincoln Memorial. Eine in diesen Tagen ruhige Umgebung – abgesehen vom Baulärm am Weißen Haus –, denn wegen des Government Shutdown sind viele Museen geschlossen. So auch die Türen für unseren einige Tage später geplanten Besuch des National Air and Space Museum. Stattdessen machen wir dann den Rasen der National Mall zum Footballfeld, dahinter glänzt die goldene Kuppel des Kapitols im Herbstsonnenlicht und Grauhörnchen springen erschrocken in die Baumkronen. Zur Stärkung lädt uns das Goethe-Institut zum Pizza-Essen im American Bistro ein.
Nur einige U-Bahn-Stationen nördlich der National Mall liegt unsere Unterkunft – das Caravan Hostel im für seine historischen Reihenhäuser (bereits mit kreativen Halloween-Dekorationen) und ein buntes Nachtleben bekannten Stadtviertel Adams Morgan. Jeden Morgen (anfangs mit Verspätung) erreicht uns dort eine Lieferung von 216 (in Worten: zweihundertsechzehn) Bagels, die die Männerchoristen in routiniertem Ablauf mit Cream Cheese, Wurst und Käse kredenzen. Genug für Frühstück und Lunchpakete… Nach unserer Reise möchte niemand mehr Bagels essen.
Am fünften Tourneetag führt uns ein Tagesausflug nach Baltimore, Maryland. Der historische Inner Harbor vor moderner Skyline von Wolkenkratzern, aufsteigender Rauch aus Gullydeckeln. Größte Attraktion für die jüngeren Chorsänger ist allerdings ein Süßigkeitengeschäft, das wohl einen Großteil des mitgebrachten Taschengeldes bereits karamellisiert.
Beim Konzert in der gotischen Emmanuel Episcopal Church präsentieren wir einen Großteil unseres Tourneeprogramms, Director of Music Christian Lane begleitet uns bei einigen Werken auf der Orgel. Neben Motetten u.a. von Heinrich Schütz, Henry Purcell und Felix Mendelssohn Bartholdy singen wir auch amerikanische Chormusik: von Amy Beach und Marshall Bartholomew, außerdem Frank Tichelis „Earth Song“. Der in Kalifornien lebende Ticheli dichtete Text und Töne im Jahr 2007 während des Irakkriegs, als „a cry and a prayer for peace“. „Sing. Be. Live. See.“, so beginnen wiegend die ersten Akkorde, in aufreibendem Trost fließt dann die Melodie. Am Ende verklingen zwei tiefe „Peace“-Akkorde.
Die Betten (dreistöckig) und Zimmer (Marke Sardinenbüchse) in Washington, D.C. sind schmal, doch das soll sich nach unserem Weiterflug in Georgias Hauptstadt Atlanta ändern. Dort erwarten uns am sechsten Tourneetag die Gastfamilien des Georgia Boy Choir, und die Begeisterung über unsere Quartiergeber ist nicht nur wegen bagelfreien Frühstücks sowie Riesenfernsehern und privatem Golfplatz enorm.
Zudem treffen wir auf alte Bekannte und Freunde: Fünf Monate zuvor hatten uns der Georgia Boy Choir und sein Chorleiter David White in Hamburg besucht. Ein herzliches Wiedersehen mit Konzert gibt es in der Mary Our Queen Catholic Church in Peachtree Corners. Bereits am Nachmittag des siebten Tourneetages sind die weihrauchumwehten Kirchenbänke gefüllt, als wir mit Director of Music Anne Boshinski in der Messe musizieren. Im Abendkonzert begeistert uns nicht nur der Gesang des Georgia Boy Choir, sondern auch das gemeinsame, klangvolle „Locus iste“ von Anton Bruckner.
Gemeinsame Konzerte, befreundete Chöre und Menschen, das sind die Brücken solcher Reisen und vor allem in ein Land, dessen politische Schlagzeilen mehr als Sorgenfalten bereiten. Mit unserer Musik, die wir hier mit so vielen Menschen teilen können – singend und zuhörend –, treffen wir auf kulturell neugierige, offene und gleichgesinnte Kinder und Erwachsene. Aus gemeinsamen Tönen entstehen Gespräche, die auch nach unserem Rückflug nicht abbrechen werden.
Beim Tourneefinale im beschaulichen Macon, Georgia, prasseln Regengüsse und Herzlichkeit gleichermaßen auf uns ein. Der Regen leider auch durch das undichte Dach unseres Reisebusses, bei jeweils zweistündiger Hin- und Rückfahrt… Ein umfangreiches Barbecue-Büffet in der Piedmont Kitchen und Brewery tut gut, anschließend geben wir vollen Bauches ein weiteres Schulkonzert – für die St. Joseph School. („Six Seven“, dieses Mal von uns provoziert, fällt hier allerdings recht leise aus.)
Umso tosender dann der Applaus bei unserem Abendauftritt in der wunderbar halligen St. Joseph Catholic Church, als wir Standing Ovations bereits während des Konzerts erhalten – „because it is so beautiful“, ruft einer aus dem Publikum. Als Zugabe ein Gruß aus Norddeutschland: „An de Eck steiht'n Jung mit'n Tüdelband“ mit überraschenden harmonischen Wendungen. Und Director of Music Gregory Hamilton, der im Konzert ein Orgelwerk spielt, verspricht begeistert, uns ein Stück zu komponieren.
Dem letzten Konzert folgt ein Bonustag in Atlanta, bei dem uns das Schietwetter bereits auf Hamburg einstimmt. Wir besuchen die Martin Luther King Jr. Freedom Hall, fahren im trockenen Bus um den Centennial Olympic Park und erforschen das Georgia Aquarium (sechstgrößtes Aquarium der Welt) mit seinen Wal- und Hammerhaien, Mantarochen und Belugas.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ist der Abschied nun sichtbar. Unseren neuen Freundinnen und Freunden, Zuhörerinnen und Zuhörern haben wir die Musik und Gemeinschaft des Neuen Knabenchores Hamburg nahegebracht; und auch wir sind zusammengewachsen, klanglich und abseits der Musik. Junge und ältere Chorsänger haben nicht nur Seite an Seite gesungen, sondern gemeinsam entdeckt und gelacht, Karten gezockt und Football gespielt, schwer auf Bageln gekaut und manchmal auch Heimweh gehabt, sich getröstet und auf den Busfahrten nach unseren Konzerten nochmals die beliebtesten Stücke durchgegrölt.
Der letzte Tourneetag schließlich ist koffeinhaltig: The World of Coca Cola. Im Museum können wir nicht nur die Geschichte des in Atlanta erfundenen Getränks besichtigen, sondern über 100 Sorten aus verschiedenen Ländern verkosten (nicht alle können wir weiterempfehlen). Zum Abschluss Burger, Chicken Wings und Mac'n Cheese, dann werden wir auf dem Rückflug, wie bereits bei der Hinreise, persönlich vom Flugkapitän begrüßt und gebeten, ein Ständchen zu singen. Erneut stellen wir fest: So ein Flugzeug hat eine verdammt schlechte Akustik.
Jens Bauditz
17.11.2025



