Nachruf von VDKC-Präsident Professor Ekkehard Klemm
Die Nachricht vom Tod Helmuth Rillings erreichte den Verband Deutscher KonzertChöre (VDKC) am heutigen Morgen über das Interview seines Nachfolgers Hans-Christoph Rademann für Deutschlandfunk Kultur (hier).
Nach der beziehungsreich gewählten Musik „Es steh’n vor Gottes Throne“ (Kantate BWV 309) würdigt der 31 Jahre jüngere und gegenwärtig letzte Georg-Friedrich-Händel-Ring-Preisträger des VDKC den legendären Chordirigenten vor allem hinsichtlich der unermüdlichen Durchdringung und Suche nach den Inhalten von Bachs Musik und einer Vielzahl anderer Werke. Hierzu zählten neben Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Brahms über Honegger, Britten auch zeitgenössische Werke von Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina, Tan Dun, Osvaldo Golijov, Edison Denissow oder Krzysztof Penderecki, welche die Bachakademie und Rilling selbst in Auftrag gegeben hatten. Rademann beschreibt, wie sein Vorgänger die Partituren „bis in die letzte Ecke“ gekannt und sich auch theologisch Rat gesucht habe, um die Werke für unsere Zeit aufzuschließen.
In diesem Sinn und Geist wurden die musikalischen Impulse und Akzente international maßstabsetzend, umfassten neben der interpretatorischen Arbeit auch die Ausbildung, zunächst in Berlin, später in Frankfurt a. M., in weltweit initiierten Kursen sowie im besonderen Einsatz für Jugendchöre, u. a. den Landesjugendchor Baden-Württemberg, den Rilling zwischen 1985 und 1996 leitete. Rillings musikalische und musikpädagogische Arbeit reichte von Stuttgart über das Oregon Bach Festival (dem Vorbild für die erst danach gegründete Internationale Bachakademie Stuttgart), Israel bis hin in die osteuropäischen Länder, die ihm als überzeugten Vertreter einer wirklichen Verständigung der Völker besonders am Herzen lagen.
Dass diese wegweisende Tätigkeit nach dem Krieg, den Rilling als Kind erleben musste, im schwäbisch protestantischen Umfeld seinen Ausgang nahm, ist beinahe eine Pointe der Musikgeschichte: In der Biografie Bachs spielt Stuttgart keine Rolle, dennoch etablierte sich genau hier ein Zentrum der Pflege seiner Musik. Im mitteldeutschen Raum von Thüringen und Sachsen wurde zur gleichen Zeit um das „Bach-Bild“ innerhalb der Musikwissenschaft der DDR-Zeit gerungen und sicher eiferte Rilling mit seiner Ernsthaftigkeit und seinem Enthusiasmus einem Stil nach, der von Karl Richter in München ganz ähnlich verfochten wurde und den der Autor dieser Zeilen in der Aufnahme der „Matthäus-Passion“ im Jahr 1969 durch die Gebrüder Mauersberger durch die Thomaner und Kruzianer ganz ähnlich selbst erlebt hat. Die Bedingungen für eine Gesamtaufnahme aller Bachschen Chorwerke waren mit Unterstützung des Musikverlegers Friedrich Hänssler in Stuttgart ungleich besser als im Osten – Grund genug, die kompletten Bach-Kantaten und sämtliche Chorwerke nicht zuerst in Leipzig oder Dresden aufnehmen zu lassen, sondern diese Pioniertat in den „Westen“ des Landes zu holen. In der Welt der Chormusik kann diese Leistung nur mit dem Einsatz eines Herbert von Karajan verglichen werden, der den Wert der Schallplatte – später der CD – als Multiplikator exemplarischer interpretatorischer Leistungen – in seinem Fall für die sinfonische Musik – ähnlich hoch einschätzte und den „Platten-Markt“ dominierte.
Viele Anregungen Rillings sind heute völlig selbstverständlich geworden: Gesprächskonzerte gehören zum fest etablierten Kanon der Musikvermittlung ebenso wie kontrastierende Gegenüberstellungen alter und neuer Musik in einem Programm oder die Wiederentdeckung und sorgsame Aufarbeitung vergessener Werke, so geschehen mit Schuberts Oratorium „Lazarus“, der „Messa per Rossini“ italienischer Zeitgenossen von Verdi oder der Jugendoper „Der Onkel aus Boston“ von Mendelssohn.
Der VDKC zeichnete Helmuth Rilling 2008 mit dem Georg-Friedrich-Händel-Ring aus, eine der höchsten Würdigungen für Chordirigentinnen und -dirigenten in Deutschland, die an Personen vergeben wird, die es verstanden haben, „die Pflege wertvoller Chormusik aller Zeiten und Länder mit einer musikerzieherischen Leistung von Rang und Ausstrahlung zu verbinden“. In seiner Laudatio hob der damalige VDKC-Präsident, Hans-Willi Hefekäuser, die Verbindung des Dirigenten zum Verband hervor, der mit der damaligen „Gächinger Kantorei“ – heute „Gaechinger Cantorey“ –, der „Internationalen Bachakademie“ und dem „Festivalensemble Stuttgart“ Mitglied war: „Und das nicht nur seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten. Er unterstützt mit seiner Kompetenz, mit seinem Namen und mit seinen […] Ensembles die Ziele und Interessen des VDKC. […] Herr Rilling ist so etwas wie ein Gütezeichen für unseren Verband.“
Dies mündete nicht zuletzt in verschiedene Aktivitäten mit einigen unserer Chöre, beispielsweise 2008 in einen Workshop zu Bachs Motette „Jesu meine Freude“ mit der Camerata vocale Zwickau und dessen damaligem Leiter Reinhold Stiebert, heute Ehrenpräsident des VDKC. Der Workshop fand aus Anlass des 17. Deutschen Chorfestivals in Kassel statt.
Über die Zusammenarbeit mit der Berliner Singakademie an Beethovens „Missa solemnis“ im Jahr 2015 berichtet Achim Zimmermann, seit 36 Jahren Leiter des Chores: „Mit Klarheit, Tiefe und unermüdlicher Hingabe an die Musik hat er uns Beethovens geistige und menschliche Dimension eindrucksvoll erschlossen.“ Rilling sei ein „Dirigent von Weltformat“ gewesen, „zugleich ein zugewandter, präziser und leidenschaftlicher Probenarbeiter.“
Etwas von dieser engagierten Arbeit erspüren wir schließlich auch in den Worten des Dirigenten Reinhart Weiß, selbst Rilling-Schüler und Teilnehmer einer Aufführung der „Matthäus-Passion“ beim Bach-Verein Köln im gleichen Jahr: „Vor der Probenphase mit Rilling war umfangreiches Material ausgegeben worden, wo Rilling für eine frühere Aufführung auf rund einem Dutzend Seiten detaillierte Angaben über Tempi, Dynamik, Phrasierungen, Sprache und lineare Gestaltung gemacht hatte. In der viertägigen Probenphase mit ihm lernte der Chor dann kennen, was so typisch für Rilling ist: mit einem Satz oder manchmal auch nur einem Wort erreicht er die Fantasie der Sänger, die dann ‚von selbst‘ darauf kommen. Das Ergebnis ist eine Intensivierung, die nicht von oben aufgedrückt wird, sondern der Sänger sich selbst abfordert.“
Auch Professor Jürgen Budday, ebenfalls Georg-Friedrich-Händel-Ring-Träger, erinnert sich: „Helmuth Rilling war für die Musikwelt und auch für mich ganz persönlich eine Inspiration. Während meiner Studienzeit in den 70er-Jahren herrschte unter uns Studenten in Stuttgart geradezu eine Rilling-Manie. Er war unser großes Vorbild, der Besuch seiner Konzerte ein Muss.“
So schließt sich der Kreis zu den Worten Rillings, die im Nachruf der Internationalen Bachakademie Stuttgart aus Rillings Mund selbst zitiert werden: „Musik darf nie bequem sein, nicht museal, nicht beschwichtigend. Sie muss aufrütteln, die Menschen persönlich erreichen, sie zum Nachdenken bringen.“
„Vor dem Throne“, an den er geglaubt hat nun zu stehen, hat Helmuth Rilling sehr viel zu berichten, das er zum Besten der Musik getan und die er stets als Gottes Geschenk betrachtet hat. Der VDKC gedenkt seiner in tiefem Dank und Ehrfurcht vor seinem Wirken, dessen Ende eine tiefe Zäsur für die Chormusik in Deutschland und weltweit bedeutet.
Ekkehard Klemm, Präsident des VDKC
12.02.2026



