Foto: Professor Ekkehard Klemm (privat)
Foto: Professor Ekkehard Klemm (privat)

Vom Glück des Singens im Chor und radikalen Vorgängen…

„Frische trifft Vielfalt“ – mit diesem knackigen Werbeslogan durften wir uns nicht nur auf die Suche nach geeigneten Lebensmitteln für den weihnachtlichen Festtagsschmaus machen, nein, ich fand diese Formel so treffend, dass ich sie für unseren Weihnachtsgruß verwendet habe.

Denn das trifft es ziemlich gut: Frisch ist unsere Chorkultur nach den Festivitäten aus Anlass des 100. Jubiläums mehr denn je. Ich selbst konnte mich aus Anlass meiner Besuche zu Aktivitäten der Landesverbände und einzelner Chöre von der Vitalität unseres Verbandslebens überzeugen. Die Vielfalt der Angebote von themenbezogenen Symposien über Workshops zum Thema Chor- und Vereinsarbeit, Werbung etc., Dirigierseminare mit Bachs h-Moll-Messe, Landeschorfesten, ambitionierten Konzerten bis hin zur Neugründung eines Kammerchorfestivals mit mehreren Uraufführungen war eindrucksvoll zu erleben und hat gezeigt, dass die Zahl 100 eher für Aufbruch steht als für ein Ausruhen auf Traditionen.

Gleichzeitig hat das Generalsekretariat in Weimar mit Ralf Schöne und Katrin Petlusch an der Spitze nicht nur unser fulminantes Chorfest in Weimar organisiert und eine Festschrift erstellt, sondern innerhalb des Amateurmusikfonds das Projekt „Chormusik & 4K: Kunst, Komposition, Kulturpolitik, Kreativität 2025“ betreut, die Reihe von Diskussionsveranstaltungen und Interviews unter der Überschrift „CHORizonte“ begleitet, dokumentiert und parallel bereits die nächsten Konzepte für 2026 und danach vorgelegt, u. a. das Projekt „Land in Klang – Teilhabe durch Chormusik 2026“. Es ist und bleibt lebendig beim VDKC und wir dürfen uns freuen, dass wir mit aktuell 573 Chören, die sich allesamt durch ein regelmäßiges Konzertleben auszeichnen und damit die Musiklandschaft in Deutschland entscheidend mitprägen, so viele Ensembles verzeichnen wie noch nie.

Einen großen Teil unserer Aktivitäten im Hintergrund haben wir darüber hinaus verwendet, um organisatorische Prozesse zu festigen und zu beschleunigen, mehr Vernetzungen zu ermöglichen, Informationen, Notenmateriale und Praxiswissen auszutauschen und damit im besten Sinne einen ständigen Wissenstransfer auf den Weg zu bringen. In diesem Zusammenhang entstand auch ein Leitfaden für unsere Chöre zum Thema Diversity & Inclusion in Amateurchören. Mit diesem Prozess haben wir versucht, aktiv und mit eigenen Impulsen die Unterzeichnung der „Charta der Vielfalt“ zu begleiten und damit entsprechende Aktivitäten in unseren Ensembles anzustoßen.

Ein Jahr voller interessanter Begegnungen liegt hinter uns – das neue Jahr ist für den VDKC das erste eines neuen Jahrhunderts! So pathetisch das klingt, so frisch sollten wir es angehen – immer die Musik, die aufregende Auseinandersetzung mit ihren faszinierenden künstlerischen Inhalten und Impulsen im Mittelpunkt. Dabei bewegen wir uns zwischen den Polen „Vom Glück, im Chor zu singen“ (Stefan Moster, Insel Verlag 2025), „Extrem gemischter Chor“ (Positionen 143, Texte zur aktuellen Musik) und „Die Philosophie des Singens“ (mairisch verlag 2019), in dem Lisa Pottstock ihren Essay mit der launigen Bemerkung überschreibt: „Atmen muss ich sowieso“ und auf S. 49 formuliert:

„Den Mund zu öffnen und einen Ton hinauszugeben, der dann unter keinen Umständen zurück in meine Kehle zu holen war, für immer herausgegeben, vielleicht von einem zum Hören bereiten Ohr empfangen und verarbeitet – das schien mir auf eine stille Weise ein radikaler Vorgang.“[1]

Diese Radikalität empfindet auch Salomé Voegelin in einem Gespräch mit Kalas Liebfried:

„Für mich ist der Chor mehr als nur ein formaler Ausdruck geworden. Er ist jetzt ein Werkzeug für kritisches Zuhören, kritisches Denken und Klanggestaltung. Er kann politisch, transformativ und eine Form der Solidarität sein, vor allem, wenn wir über seine traditionellen Kontexte hinausgehen.“[2]

Ich kann dem geneigten Kreis unserer Interessenten und Unterstützerinnen die erwähnten drei Veröffentlichungen wärmstens ans Herz legen – sie erzählen viel von den Leidenschaften des gemeinsamen Singens und Musizierens. Und beruhigen kann ich mit dem SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner sogar die skeptischen Geister gegenüber den uns überwuchernden Entwicklungen von KI oder AI: Unter der Überschrift „Im Flechtwerk ewiger Lieder“ schreibt er uns eine gute Nachricht in die Stammbücher:

„Das uralte Gespinst der Musik ist neuronaler als jede KI und hat bislang noch jeden technologischen Sprung überstanden.“[3]

Das Buch über „Die Macht der Musik“, erschienen 2025 in der Deutschen Verlags-Anstalt, ist bestens recherchiert und fasst mit einer Haltung, die allen Stilen und Spielarten der Musik offen gegenübersteht, bündig zusammen, was viele von uns schon lange fordern:

„Einmal so gefragt: Wie viele weitere empirische Studien, dass Musik gesund und förderlich ist, braucht es denn noch? … 
Musikalische Bildung und Teilhabe sollten weltweit als Recht verankert werden und zu einem verlässlichen Musikangebot in der frühkindlichen Betreuung führen und später zu obligatorischem Unterricht für alle, zwei Stunden die Woche in den schulischen Kernzeiten, verlässlich erteilt von qualifizierten Lehrkräften. … 
Die Amateurmusik sollte nicht nur in Sonntagsreden gefeiert, sondern an den Werktagen unterstützt werden mit Geld, Weiterbildung, Infrastruktur und Beratung.“[4]

Belassen wir es an dieser Stelle dabei und ersparen uns die niederschmetternden Zahlen, die der Autor hinsichtlich der finanziellen Unterstützung der Kultur (0,35 % BIP) und speziell der Steuermittel für Musik und Theater (0,11 % BIP) sehr genau und kompetent ermittelt hat. Verweisen wir stattdessen abschließend auf den „Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien“, den Gabriele Schulz und Olaf Zimmermann als Herausgeber*innen im Namen des Deutschen Kulturrates im Mai 2025 veröffentlicht haben, denn dort heißt es immerhin: „Es geht voran“. Das umfangreiche und in Text und zahlreichen Übersichten und Tabellen übersichtlich aufgearbeitete Material berichtet von einigen Fortschritten, leider auch Stagnationen und überschreibt die Einleitung deshalb mit den vielsagenden Worten „Einiges in Bewegung“.[5]

Einiges in Bewegung – das kann im positiven Sinne auch über das 100. Jahr des VDKC gesagt werden. Vielleicht sollten wir den anfänglichen Werbeslogan sogar umdrehen und sagen: Vielfalt schafft Frische, eine Aussage, die in der Kunst schon immer galt, während sie der Politik und Gesellschaft nicht nachdrücklich genug ins Gedächtnis gerufen werden sollte.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen viele Fortschritte mit der Musik im Jahr 2026! Ich freue mich auf alle Begegnungen, allen Austausch und blicke – allen Herausforderungen zum Trotz – mit Optimismus nach vorn – nicht ohne denen Dank zu sagen, die an verantwortlicher Position mit viel Engagement unsere Arbeit unterstützen und ermöglichen!

Ein gesundes, frisches und vielfältiges Jahr 2026 wünscht herzlich – Ihr

Ekkehard Klemm
Präsident des Verbandes Deutscher KonzertChöre

[1] Bettina Hesse (Hg.): „Die Philosophie des Singens“, mairisch verlag 2019; darin: Lisa Pottstock: „Atmen muss ich sowieso“, S. 49
[2] Positionen 143, 02/2025; darin: Chor als Widerstand. Salomé Voegelin im Gespräch mit Kalas Liebfried über klangliche Koexistenz, Zuhören und Verantwortung
[3] Ullrich Fichtner „Die Macht der Musik“, Deutsche Verlags-Anstalt München, 2025, S. 197
[4] A. a. O., S. 219/2020/221
[5] Gabriele Schulz, Olaf Zimmermann: „Es geht voran“ – Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien, Deutscher Kulturrat e. V., Mai 2025

01.01.2026

Veranstaltungen der Mitgliedschöre

Anfang und Ende
11.01.2026 11:00 - 12:00

Walkenried Consort


Weihnachtskonzert a capella
11.01.2026 16:00 - 17:15
Nümbrecht
Kammerchor ad libitum Dresden


Misa Criolla & Navidad Nuestra
11.01.2026 17:00 - 18:30
München
Münchner Madrigalchor


NEW YEAR IS HERE !
11.01.2026 17:00 - 19:00

Neuer Kammerchor Heidenheim


Musik zur Weihnachtszeit für Chor a cappella und mit Begleitung
11.01.2026 18:00 - 19:30
Bochum
Collegium Vocale Bochum


Logo Immaterielles Kulturerbe

Auf Antrag des VDKC wurde die „Chormusik in deutschen Amateurchören" in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes (UNESCO-Konvention) aufgenommen.

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Der VDKC ist Mitglied im Bundesmusikverband Chor & Orchester - dem übergreifenden Dachverband von bundesweit tätigen weltlichen und kirchlichen Chor- und Orchesterverbänden.

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Der VDKC ist Mitglied im Deutschen Musikrat, der sich für die Interessen von 15 Millionen musizierenden Menschen in Deutschland engagiert und weltweit der größte nationale Dachverband der Musikkultur ist.

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Der schlaue Fuchs Amu (der Name steht für "Amateurmusik") gibt Antwort auf Fragen der Amateurmusik. Das Infoportal enthält zahlreiche Angebote für die Ensemblepraxis.

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