Vier kaum bekannte Werke der Konzertliteratur im Fokus
Die Überzeugung des Philosophen Friedrich Schlegel, dass die Musik nicht nur „die Sprache der Empfindung“ sei, sondern es bereits „eine gewisse Tendenz aller reinen Instrumentalmusik zur Philosophie“ gebe, trifft insbesondere auf das mittlerweile riesige Repertoire der Chor-Sinfonik zu.
Die Stimme ist immerhin das Instrument des Jahres 2025 und frei nach Shakespeare könnte man sagen: „Es gibt mehr zwischen Beethovens 9. und Mahlers 8. Sinfonie, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt…“ Schauen wir uns von der Moderne bis zur vorletzten Jahrhundertwende vier weniger bekannte, spannende Herausforderungen aus verschiedenen Ländern und Epochen näher an: Diese Werke verbindet – wie es in Brittens „War Requiem“ heißt – die „wildeste Schönheit der Welt“, welche sie in den unterschiedlichsten Facetten erfassen. Thematisch berühren sie philosophische, historische, regionale und literarische Aspekte.
Pendereckis „Lieder der Vergänglichkeit“ (8. Sinfonie, 2005–2007)
Die 8. Sinfonie des Polen Krzysztof Penderecki (1933–2020) ist der Natur zugewandt. Sein sehr persönliches Verhältnis zur Flora zeigt sein privates Arboretum bei Luslavice mit über 1.500 Baumarten, das er als „mein persönliches Ithaka“ bezeichnete. Bereits zuvor hatte Penderecki eine 70-minütige Chorsinfonie geschrieben (die 7. Sinfonie mit dem Titel „Die sieben Tore von Jerusalem“). Für seine zwischen 2005 und 2007 stets erweiterte, 55-minütige „Achte“ wählte er 13 deutsche Texte von Eichendorff, Rilke, Brecht, Kraus, Hesse, Goethe, Bethge und von Arnim. In dem Werk für drei Solostimmen (Sopran, Mezzosopran und Bariton), gemischten Chor und Orchester werden die Instrumente oft individuell oder in kleinen Gruppen eingesetzt.
Der Chor erzählt in Interaktion mit den Solist*innen in poetischen Texten davon, wie „durch die runden Kronen“ der Bäume „tief das Atmen schöner Träume“ rauscht (Hesse), wie das Leben „Freud und Schmerzen“ (Goethe) bringt und es Wunden gibt, die „niemals mehr hienieden heilen“ (Eichendorff). Auch, wenn Menschen durch das Dasein „unruhig wandern“ (Rilke), können sie aber nach „so viel Nacht“ durch den neu erblühenden Flieder „das Geheimnis wieder“ erkennen, welche „Pracht“ die Welt zu bieten hat (Kraus). Penderecki bezieht zuweilen ungewöhnliche Klangfarben ein, zu denen auch Choristen beitragen, wenn sie zu Brechts „Der brennende Baum“ leise auf Okarinas Cluster „beliebiger Tonhöhe in Mittellage“ blasen dürfen. Herausfordernde Vokalteile gibt es dennoch zur Genüge. Der polnische Komponist bekannte hinsichtlich seiner Sinfonien mit Gesang, er denke „zuerst über die Musik und dann erst über die Texte nach“. Die menschliche Stimme wird dadurch nicht allein zur Vermittlerin ausformulierter Inhalte, denn für Penderecki beruht ihre Faszination darauf, dass sie „das schönste Instrument ist, das es gibt“.
Howard Hansons „A Sea Symphony“ (Sinfonie Nr. 7, 1974)
Manche Themen sind einfach zu reizvoll, um sie nur einmal zu verwenden. Dementsprechend gibt es mehrere Pastoral-Sinfonien (Beethoven, Vaughan Williams), „Tragische“ (Schubert, Hamerik) und Meeres-Sinfonien. Seiner letzten Sinfonie verlieh der US-Amerikaner Howard Hanson (1896–1981) den Titel „A Sea Symphony“. Durch seine Dauer von zwanzig Minuten ist das Werk mit weniger Aufwand zu realisieren als Vaughan Williams‘ 70-minütige „Sea Symphony“ von 1910, für die auch noch Gesangssolist*innen erforderlich sind. Hanson, der zugleich ein geachteter Dirigent und Musikpädagoge war, gehörte zu den vielseitigsten amerikanischen Sinfonikern, die ab den 1930er-Jahren der Gattung neue Impulse gaben. Seine Chorsinfonie entstand 1974 als Auftragswerk zum fünfzigsten Jahrestag des National Music Camp in Interlochen, unweit des Lake Michigan.
Für das Werk verwendete Howard Hanson wie einst Vaughan Williams Texte des nordamerikanischen Poeten Walt Whitman. Er wählte zumeist andere Gedichte, sodass sich nur wenige Zeilen ähneln. Zudem knüpfte er nicht an den Engländer an, sondern vollendete mit der 7. Sinfonie seinen eigenen Zyklus von Whitman-Vertonungen. Dieser begann 1915 mit Liedern. Zu ihm gehören auch die „Songs from ‚Drum Taps‘“ für Bariton, Chor und Orchester (1935), der 15-minütige „Song of Democracy“ für Chor und Orchester (1957) sowie „The Mystic Trumpeter“ für Sprecher, Chor und Orchester (1970).
Hanson bewunderte Sibelius und so manches an seiner Sinfonik zeigt, dass er diese Traditionslinie fortführte. Darüber hinaus bekannte er aber, dass beim Komponieren sein „Instinkt immer die Oberhand behält“ und für ihn „Musik in erster Linie nicht eine Frage des Intellekts ist, sondern vielmehr Ausdruck der Gefühle“. Nach der Largamente-Einleitung des Orchesters gibt sich der Chor in „Lo, the unbounded sea“ beim Ablegen eines Schiffes mal schwelgerisch, mal meditativ. Der Adagio-Satz „The Untold Want“ erzählt von der universellen menschlichen Sehnsucht nach etwas Größerem, als es das Leben und das Land bieten. Als Reisender segelt man hinaus in die Weiten, um „zu suchen und zu finden“. Das „Allegro molto“-Finale „Joy, shipmate, joy!“ bietet Reflexionen über die transformierende Kraft des letztlich unvermeidbaren Todes: Der Abschied vom „langen Ankerplatz“ des Lebens wird zum Beginn einer neuen Reise.
„Ich wollte das Stück schon mein ganzes Leben lang schreiben“, bekannte Hanson, „und als ich es endlich schaffte – ich war achtzig –, hatte ich keine Probleme. Es kam heraus, als wäre ich dreißig oder sogar fünfundzwanzig, und ich hatte keine Hemmungen“. Seine Meeres-Sinfonie lässt sich gut mit anderen Werken zu Betrachtungen über das Leben und die Welt kombinieren.
via Wikimedia Commons)
Arthur Bliss und die Chorsinfonie „Morning Heroes“ (1930)
„Zum Gedenken an meinen Bruder Francis Kennard Bliss und alle anderen im Kampf gefallenen Kameraden“, lautete die Widmung, die der englische Komponist Arthur Bliss (1891–1975) für „Morning Heroes“ wählte, eine fast einstündige Sinfonie für gemischten Chor, Sprecher und Orchester. In dem fünfsätzigen Werk nahm er Bezug auf seine eigenen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg. Wie bei Remarques 1929 publiziertem Roman „Im Westen nichts Neues“ bedurfte es eines angemessenen Abstands, um die traumatisierenden Erlebnisse zu bewältigen. Erst am 22. Oktober 1930 konnte das Werk beim Musikfestival in Norwich uraufgeführt werden. Im selben Monat veröffentlichte Bliss eine Stellungnahme zu den einzelnen Abschnitten. Für die Chorsinfonie verwendete er verschiedene poetische Werke, in denen Kriegserfahrungen verarbeitet werden, die laut Bliss „allen Epochen und allen Zeiten gemeinsam sind“. Nach einem ausgedehnten Orchestervorspiel, das „die Tempowahl und Klangfarbe des gesamten Werks vermitteln“ soll, bietet der erste Satz im Maestoso „Hektors Abschied von Andromache“ aus dem 6. Buch von Homers „Ilias“, der vom Sprecher rezitiert wird. „Meine Wahl eines Sprechers als Solist war bestimmt durch meinen Wunsch, eine größere dramatische Intensität zu erreichen“, notierte der Komponist. „Die Worte sind nicht zum Singen geeignet, aber hervorragend für die dramatische Deklamation.“ Wenn der Chor Zeilen des US-Amerikaners Walt Whitman aus dem Gedicht „Trommelschläge“ („Drum Taps“) anstimmt, wechselt das Geschehen zur kollektiven Perspektive („Die Bewaffnung der Stadt“).
Der zentrale langsame Satz ist in zwei Teile gegliedert („Mahnwache“ – „Die Flamme des Biwaks“). Zunächst intonieren Frauenstimmen die Vertonung eines Gedichts von Li-Po, einem bedeutenden chinesischen Lyriker aus dem 8. Jahrhundert. Er schildert, wie die Frau eines Soldaten daheim eine weiße Rose auf ein Seidenkissen stickt. Als sie sich in den Finger sticht, tropft Blut auf ihre Handwerksarbeit und sie denkt an den Liebsten, dessen Blut im Krieg vielleicht schon den Schnee rot färbt. Darauf stimmen die Männer Worte von Whitman an, die zeigen, wie ein Soldat in seinem Zelt an die Daheimgebliebenen denkt. Das Allegro con fuoco-Scherzo des vierten Satzes („Achilles zieht in die Schlacht“ – „Die Helden“) verwendet wieder Passagen aus der „Ilias“, um das fanatische Kämpfen zu illustrieren. Die Brücke zur Gegenwart schlägt Bliss, indem er zu Beginn des Finalsatzes Zeilen des im Ersten Weltkrieg umgekommenen Wilfrid Owen rezitieren lässt („Frühlingsoffensive“), jenem Dichter, dessen Texte Britten für sein „War Requiem“ vertonte. Den Ausklang bildet das Gedicht „Dämmerung an der Somme“ von Robert Nichols. „Man kann als junger Mensch die Unmittelbarkeit des Todes nicht lang ertragen“, meinte Bliss, „ohne sich für die Werte des Lebens zu begeistern.“ Davon erzählt diese Chorsinfonie.
Die 7. Sinfonie von Asger Hamerik (1897–1906)
Künstler hatten in Skandinavien oft einen schweren Stand. Rued Langgaard (1893–1952), der Sinfonien mit Chorbeteiligung schrieb, stieß auf Ablehnung und Kurt Atterberg (1887–1974) – Schöpfer der „Sinfonia visionaria“ für Chor, zwei Gesangssolisten und Orchester – musste wie etliche andere erst Erfolge im Ausland vorweisen, um daheim respektiert zu werden. Ihren Zeitgenossen Asger Hamerik (1843–1923) führten seine Studien über London und Berlin nach Paris, bis er sich schließlich in Baltimore niederließ, wo er 1871 die Leitung des Peabody Institute übernahm. Erst nach 27 Jahren kehrte der Däne wieder nach Europa zurück mit seiner „Korsymfoni“ im Gepäck. Nach der Uraufführung 1897 mit der Baltimore Oratorio Society, der das Werk gewidmet ist, überarbeitete er alles noch zwei Mal, bis die Partitur mit einer englischen, dänischen und deutschen Textfassung 1908 erschien.
Den letzten Schliff seiner Ausbildung hatte der hochgebildete Hamerik bei Hector Berlioz erhalten, zu dem sich eine Art Vater-Sohn-Verhältnis entwickelte. „Ihre musikalische Leidenschaft berührt mich tief“, schrieb ihm der Franzose kurz vor seinem Tod. „Ihre unbeugsame Beharrlichkeit erinnert mich daran, wie ich vor vierzig Jahren war.“ Asger Hameriks Musik – darunter sieben in den USA entstandene Charaktersinfonien mit entsprechenden Bezeichnungen wie „Symphonie poétique“ bzw. „sérieuse“ – ist eingängiger, aber nicht minder facetten- und farbenreich als die seines Mentors. Neben dem Requiem (op. 34, 1886–87) gehört die idealistische, etwa 35-minütige Sinfonie für Mezzosopran, Chor und Orchester zu Hameriks Hauptwerken. Die Verse arbeitete er zusammen mit seiner Frau, der Pianistin und Komponistin Margaret Elizabeth Williams aus. Die Konzeption erforderte eine dreisätzige Sinfonie, da die im zweiten Brief des Apostels Petrus beschworenen theologischen Tugenden – Glaube, Liebe und Hoffnung – thematisiert werden. Die Reihenfolge ist jedoch verändert: Im ersten Teil befasst sich der Chor mit „kærlighed“ (der Liebe; Largo – Allegro). Dann kündet im zweiten Satz die Gesangssolistin von „håb“ (der Hoffnung; Andante sostenuto – Allegro). Schließlich folgt als Synthese im Finalsatz „tro“ (der Glauben; beginnend mit g-Moll folgt eine Entwicklung von Grave – Più adagio e molto tranquillo – Allegro maestoso – Andante sostenuto – Allegro maestoso – Andante sostenuto – Allegro maestoso – Quasi presto, bis hin zu einem C-Dur-Ausklang). Intellektuelle Einflüsse empfing Hamerik in Skandinavien durch den Philosophen N. F. S. Grundtvig und in den USA durch den Transzendentalismus. „Die Kunst der Musik ist eine poetische Sprache, die abstrakte Gefühle ausdrückt, das Ohr bezaubert, das Herz bewegt, den Geist fesselt und die Seele erhebt“, schrieb Hamerik 1895 in seinem in Baltimore veröffentlichten Buch „Theory of Music“. „Die Mittel, sie auszudrücken, sind mechanisch; das Prinzip ihrer Wirkung liegt in uns.“
Meinhard Saremba
24.11.2025



