75 Jahre Lübecker Kammerchor - Chorsinfonisches Konzert
Beschreibung
Projektbeschreibung Der Lübecker Kammerchor (Leitung: Andreas Krohn), einer der ältesten Kammerchöre der Hansestadt, wurde im Jahr 1950 gegründet. Anlässlich seines 75-jährigen Jubiläums findet am 30. November 2025 (1. Advent) in St. Aegidien Lübeck ein Festkonzert mit chorsinfonischen Werken statt.
In musikalischer Kooperation mit dem Hochschulchor (Leitung: Prof. Johannes Knecht) und Solo-Sänger*innen sowie Instrumentalist*innen der Musikhochschule Lübeck werden folgende Werke realisiert: Johann Sebastian Bach, Magnificat (BWV 243) und Leonard Bernstein, Chichester Psalms.
Der Musikauswahl liegt ein bewusster Bezug zu den Themen «Macht - Krieg - Versöhnung - Frieden» zugrunde: Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus jährt sich zum 80. Mal. Die Musizierenden wollen, als kulturtragende Insitutionen Lübecks, in diesem Konzert ein deutliches Zeichen setzen: Historische Musik mit geistlichem Hintergrund und engagiertem Anspruch formuliert aussagekräftige Statements zu religiös und politisch hochaktuellen Problemen unserer Zeit.
Das Projekt wird unterstützt durch die Lübecker Sparkassenstiftung, die Possehl Stiftung und die Hansestadt Lübeck.
Politische Dimension der Musik
Bach Magnificat:
Dietrich Bonhoeffer: »Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen: revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. (...) Maria preist mit der Musik die Macht eines Gottes, welcher sich den Armen und Hungrigen zuwendet und die Mächtigen vom Thron stößt. Oder anders: Sie preist die Macht Gottes, welcher die gesamte soziale Welt aus den Angeln heben kann. Weihnachten: Was spielen wir denn da mit? Fromme Hirten, die ihre Knie beugen? Könige, die ihre Gaben bringen? Was wird denn da gespielt, wo Maria die Mutter Gottes wird, wo Gott in der Niedrigkeit der Krippe in die Welt kommt? Weltgericht und Welterlösung – das ist es, was hier geschieht; und das Christuskind in der Krippe selbst ist es, das hält, es stößt die Großen und Gewaltigen zurück, es stürzt die Throne der Machthaber, es demütigt die Hoffärtigen, sein Arm übt Gewalt über alle Hohen und Starken, und es erhebt, was niedrig ist und macht es groß und herrlich in seiner Barmherzigkeit. Es gibt für einen Starken, für einen Großen dieser Welt nur zwei Orte, an denen ihn sein Mut verlässt, vor denen er sich in tiefster Seele fürchtet, denen er scheu ausweicht. Das ist die Krippe und das Kreuz Jesu Christi. In die Nähe der Krippe wagt sich kein Gewaltiger, hat sich der König Herodes auch nicht gewagt. Denn eben hier wanken die Throne, fallen die Gewaltigen, stürzen die Hohen, weil Gott mit den Niedrigen ist, hier werden die Reichen zunichte, weil Gott mit den Armen und Hungernden ist, weil er die Hungernden satt macht, aber die Satten und Reichen gehen leer aus. Vor der Maria, der Magd, vor der Krippe Christi, vor Gott in der Niedrigkeit, kommt der Starke zu Fall, hat er kein Recht, keine Hoffnung, ist er gerichtet. (…) Wir müssen uns klar werden, wie wir angesichts der Krippe künftighin über hoch und niedrig im menschlichen Leben denken wollen."
Bernstein Chichester Psalms:
Uraufführung 1965 New York Chor, Knabensopran, Orchester Texte im hebräischer Original-Sprache: Psalmen 2, 23, 100, 108, 131. 133.
Die Chichester Psalms waren Bernsteins erste größere Komposition nach der 3. Sinfonie „Kaddish“ (Kaddisch = jüdisches Totengebet), einem Werk voller Trauer und Verzweiflung, das Bernstein zum Andenken an den 1963 ermordeten J. F. Kennedy komponiert hatte. Dem Kaddisch stellen die Chichester Psalms trotz aller Konflikte eine zuversichtliche und versöhnliche Grundtendenz gegenüber. Mit diesen beiden Werken nimmt Bernstein am deutlichsten Bezug auf seine jüdische Herkunft und Religion.
Der erste Satz, eingeleitet von einem großen Chor (Psalm 108,3 – „Urah hanevel, v’chinor urah“ ‐ „Wach auf, Psalter und Harfe“), hat den Charakter eines heiteren Liedes und Tanzes („Psalm 100 – „Hari ul Adonai kol ha’arets“ ‐ „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“). Im zweiten Satz kontrastieren eine sanfte Melodie („Psalm 23 – Adonai ro‐i, lo ehsar“ ‐ „Der Herr ist mein Hirte“), die vom (Knaben‐)Solisten und den hohen Stimmen des Chores gesungen wird, und die rhythmisch voranpreschenden tiefen Chorstmmen („Lamah rag’shu goyim“ ‐ „Warum toben die Heiden“). Im dritten Satz folgt auf eine instrumentale Einleitung ein besinnlich fließender Chorgesang („Adonai, Adonai, lo gavah libi“ ‐ „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtg“), der in ein Friedensgebet des Schlusschores mündet (Psalm 133,1 – „Hineh mah tov“ ‐ „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“).
«Die einzigartige Mischung aus biblisch-hebräischen Versen und christlicher Chortradition war auch hier wieder Ausdruck der Hoffnung des Komponisten Bernstein auf Verständigung zwischen den Kulturen. Inhaltlich scheint bei dem Werk besonders das Bemühen um Versöhnung zwischen Juden und Christen, zwischen Israel und den Weltvölkern im Vordergrund zu stehen – eine Auftragskomposition eines Christen an einen Juden.» (A. Sommer, 2023)



