Foto: Prof. Christiane Büttig (Johannes G. Schmidt)
Foto: Prof. Christiane Büttig (Johannes G. Schmidt)

CHORizonte: Reflexionen zur Chormusik des 21. Jahrhunderts

Ekkehard Klemm im Gespräch mit Prof. Christiane Büttig (Professorin für Chor- und Ensembleleitung am Mozarteum Salzburg)

EK: Wie stellt sich der Unterschied zwischen dem deutschen und dem österreichischen System der Amateurchöre und ihrer Verbände dar? Gibt es fundamentale Unterschiede oder dominieren die Ähnlichkeiten?

CB: Die Struktur der Chorlandschaft in Österreich ähnelt derjenigen in Deutschland: Auch hier sind die Chöre in Landesverbänden organisiert, die sich unter dem Dach des Österreichischen Chorverbandes zusammenschließen.

Inwieweit tragen die Chöre in Österreich auch das Musikleben der großen Städte und auf dem Land? Gibt es ständige Kooperationen zwischen den staatlichen Orchestern und den Chören oder reduzieren die Chorkonzerte sich auf solche mit professionellen Ensembles?

Österreich verfügt über eine ausgesprochen reiche und vielfältige Chorlandschaft, die von Kinder- und Knabenchören über Volksmusik- und Kirchenchöre bis hin zu Projekt- und Kammerchören sowie großen Traditionschören wie dem Wiener Singverein reicht.

In den Städten ist die Dichte an Ensembles naturgemäß höher, doch auch im ländlichen Raum prägt ein intensives Chorleben mit zahlreichen Konzerten und Veranstaltungen das kulturelle Geschehen.

Ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland besteht in der Struktur der professionellen Chöre: In Österreich gibt es keine Rundfunkchöre. Fest angestellte Chöre mit regulären Monatsgehältern sind ausschließlich an den fünf Landestheatern, der Wiener Staatsoper und der Oper Graz zu finden. Ähnliches gilt für Orchestermusikerinnen und -musiker. Ergänzend existieren einige wenige professionelle Orchester wie das Tonkünstler-Orchester, das Mozarteumorchester, das RSO Wien – das auch am Theater an der Wien wirkt – sowie das Bruckner Orchester Linz, das neben Konzertauftritten auch die Theaterproduktionen übernimmt.

Viele dieser Ensembles sind nicht ausschließlich staatlich finanziert, sondern erhalten Mittel von Städten oder arbeiten in Mischfinanzierungen.
Darüber hinaus organisieren sich zahlreiche Ensembles in Vereinsstrukturen. Ein großer Pool an hervorragend ausgebildeten, freischaffenden Sängerinnen und Sängern arbeitet projektbezogen in semi-professionellen Chören – eine Situation, die auch für viele Orchestermusikerinnen und -musiker gilt. Dies bringt für die Einzelnen häufig erhebliche finanzielle Herausforderungen mit sich.

Wie stellt sich in Österreich die Nachwuchssituation dar? Gibt es auch den in Deutschland vielerorts zu beobachtenden Mangel an Männerstimmen und die Tendenz zu Projekt- und Kammerchören im Amateurbereich?

In Österreich gibt es zahlreiche Initiativen zur Förderung des Singens. Ein Beispiel ist der „Tag der Stimme“, der jährlich vor Christi Himmelfahrt stattfindet. An diesem Tag steht das Chorsingen im Zentrum: Vormittags präsentieren sich Kinder- und Jugendchöre, nachmittags und abends bringen Chöre der Region beispielsweise Städte wie Salzburg zum Klingen.

Beim jährlichen Bezirksjugendsingen können sich schulische und außerschulische Chöre sowie singende Klassen präsentieren und voneinander lernen. Daran schließen sich das Landesjugendsingen – seit 1947 ein Wettbewerb analog zum Deutschen Chorwettbewerb, jedoch für Teilnehmende bis 24 Jahre – und das Bundesjugendsingen an. Die Organisation liegt bei der Bildungsdirektion und dem Landesjugendreferat in Kooperation mit dem Chorverband.

Wie in Deutschland gibt es auch in Österreich einen spürbaren Mangel an Musiklehrkräften in allen Schulformen. Entsprechend intensiv wird darüber diskutiert, wie neue, engagierte und vielseitige Studierende für das Lehramt gewonnen werden können – beispielsweise durch Projekte wie die „MusikMultis“ am Mozarteum Salzburg.

Auch hierzulande ist ein Mangel an Männerstimmen in Chören zu beobachten, und die Tendenz zu Projekt- und Kammerchören im Amateurbereich ist ähnlich ausgeprägt wie in Deutschland. Positiv hervorzuheben ist, dass fast alle Bundesländer – mit Ausnahme Salzburgs – über Landesjugendchöre verfügen, die auf sehr hohem Niveau arbeiten. Hinzu kommt ein Bundesjugendchor, der ebenfalls mit hoher Qualität Chormusik präsentiert.

Wie stellen sich die Universitäten und die Ausbildung an Musikhochschulen und Konservatorien auf? Gibt es andere Strukturen und Ideen, die in deutschen Musikhochschulen aufgenommen und umgesetzt werden sollten?

Die Ausbildung an der Universität Mozarteum ist im Konzertfach stark auf Dirigieren und insbesondere auf das Berufsfeld Oper ausgerichtet. Ein breiteres Repertoire lässt sich erschließen, wenn Studiengänge stärker mit Pädagogik und Gesang vernetzt werden und der Schwerpunkt auf Klavier als Hauptinstrument reduziert wird – denn die hohen Anforderungen im Klavierspiel schrecken viele potenzielle Studierende ab.

Eine Änderung gibt es in der Entwicklung: So soll das Fach Chorleitung – insbesondere für A-cappella-Musik – als Hauptfach in der Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP) etabliert werden. Dabei soll der Fokus auf Stimmbildung und einen sängerisch-dirigentischen Zugang gelegt werden.

In den Dresdner Konzerten mit dem UNI-Chor dominierten konzeptionell interessante Programme und auch avanciertere zeitgenössische Werke: Wie viel Anspruch und Schwierigkeit ist Amateur*innen zumutbar, wie sind die Erfahrungen damit oder gibt es auch die Gefahr, dass durch zu schwieriges Repertoire Interessent*innen die Lust verlieren und überfordert sind?

Als ich die Leitung des Universitätschores übernahm, gründete ich mit dem Kammerchor die Konzertreihe Regel I Freiheit, in der klassische und zeitgenössische Musik in einen Dialog treten. Werke von Krenek, Cage oder Stockhausen standen dabei bewusst neben Kompositionen von Bach, Dowland, Mendelssohn oder Brahms. Diese Gegenüberstellung eröffnete Chor und Publikum neue Zugänge zu unterschiedlichen Musikwelten.

Auch der große Universitätschor zeigte sich offen für zeitgenössische Werke, etwa bei Uraufführungen von Alexander Keuk. Ich halte es für sehr wichtig, dass Ensembles ein breites Repertoire pflegen, sofern sie sich nicht bewusst einer bestimmten Stilrichtung verschreiben. Gerade Jugend- und junge Erwachsenenchöre bringen häufig große Neugier und Offenheit für verschiedenste Stilepochen mit, sodass wir mit Hingabe und Verständnis nahezu alles erarbeiten können.

Neue oder anspruchsvollere Werke lassen sich allerdings nur dann erfolgreich realisieren, wenn das Ensemble über eine gewisse personelle und sängerische Stabilität verfügt und ausreichend Probenzeit zur Verfügung steht. Auch die Kompositionsweise spielt eine Rolle: Stimmenfreundliches und klanglich konsistentes Schreiben erleichtert den Zugang erheblich – ein Grund, warum zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten wie Gjeilo, Ešenvalds, Sandström oder Rehnqvist bei Amateurchören so beliebt sind.

Wie siehst du die Zukunft des Chorsingens in einer Welt, die von Digitalität, KI und der Dominanz individueller Konzepte geprägt ist – haben Schütz, Bach, Mendelssohn, Schnittke, Rihm weiterhin eine Chance im Chorgesang oder müssen wir stärker auf Pop, Techno und Ansprüche setzen, die heute gern mit dem Begriff der „Niedrigschwelligkeit“ definiert werden?

Die Frage nach der Zukunft des Chorsingens im Kontext von Digitalisierung, KI und Individualisierung greift für mich zu kurz. Die junge Generation ist es längst gewohnt, unterschiedliche musikalische Welten miteinander zu verbinden. Zwischen Taylor Swift und Brahms erkennen viele meiner Studierenden keinen Gegensatz in der Qualität – wohl aber die unterschiedlichen Anforderungen, die jeder Stil stellt. Gerade deshalb wird der klassische Kanon auch in Zukunft seine Relevanz behalten. Zugleich sollten wir uns als Chorleiterinnen und Chorleiter nicht vor der populären Literatur verschließen. Unsere Aufgabe ist es, beide Welten ins Gespräch zu bringen und daraus ein vielfältiges, offenes Repertoire zu gestalten.

VDKC

06.10.2025

Veranstaltungen der Mitgliedschöre

Adventskonzert
29.11.2025 14:00 - 15:00
Schkeuditz
Hallenser Madrigalisten


Kinderchöre: Singen zum 1. Advent / Koncert z okazji pierwszego Adwentu
29.11.2025 15:00 - 16:00
Frankfurt (Oder)
Singakademie Frankfurt/O. Nachwuchschöre


Adventskonzert Katholische Kirche "Herz Jesu"
29.11.2025 15:00 - 17:00

schola cantorum weimar


Chorworkshop mit Abschlusskonzert 29.11.25 zum Advent
29.11.2025 15:00 - 20:30

cantus aurumque


Samstagsmotette in der Thomaskirche
29.11.2025 15:00 - 16:00

amici musicae


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Auf Antrag des VDKC wurde die „Chormusik in deutschen Amateurchören" in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes (UNESCO-Konvention) aufgenommen.

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