Foto: Michael Ostrzyga (Christian Palm)
Foto: Michael Ostrzyga (Christian Palm)

CHORizonte: Reflexionen zur Chormusik des 21. Jahrhunderts

Ekkehard Klemm im Gespräch mit Michael Ostrzyga (Dirigent, Komponist, Universitätsmusikdirektor in Köln und Präsident des Netzwerks Universitätsmusik in Deutschland)

EK: Welche Rolle spielt die universitäre Beschäftigung mit Musik aktuell in Deutschland, wie viele Ensembles gibt es, dominieren die Orchester oder die Chöre?

MO: Chöre können sich schnell zusammenfinden, es sind sicherlich an die 300. Mindestens 60 Orchester sind aktiv. Darüber hinaus werden Bigbands, Jazz- und Kammermusik-Ensembles und vieles mehr angeboten.

Die Universitätsmusik richtet sich an alle Fachrichtungen. Es geht dabei auch um Gemeinschaft, Persönlichkeitsentwicklung und „Well-Being“, das zunehmend Thema wird. Natürlich spielt gleichzeitig die künstlerische Qualität eine Rolle, auch wenn viele – wie wir in Köln sagen – nur „us Spass un Jlöck“ mitmachen. Genau das macht aber sicher einen besonderen Reiz aus. Es sind alle mit Herzblut dabei. Und eine große Zahl an Studierenden, die ohne Weiteres ein Musikstudium aufnehmen könnten, Musik aber nicht zu ihrem Beruf machen wollen, finden sich in unseren Orchestern wieder.

Wir erleben junge Menschen in einer wichtigen Phase ihres Lebens, in der viele Weichen gestellt werden. Sie bereichern für eine Zeit unsere musikalische Familie, während wir ihnen Inspiration und eine besondere Bildung und Orientierung mit auf den Weg geben können.

Einige der heutigen Führungspersönlichkeiten im Kulturmanagement, im Funk oder an großen Häusern, haben ihre ersten Erfahrungen als studentische Mitarbeiter*innen in einem Collegium musicum gesammelt. Viele unserer musikalischen Assistent*innen übernehmen später Leitungspositionen.

Unsere Einrichtungen sind also Multiplikatoren mit weitreichenden, vielfältigen Wirkungen.

Erhalten die Studierenden bei Ihnen auch Creditpoints oder handelt es sich um eine rein freizeitliche Beschäftigung mit Musik?

Creditpoints gibt es nur wenige im Rahmen des Studium integrale. Die Studierenden kommen nicht zu uns, weil sie es müssen. Haben sie sich allerdings einmal zur Teilnahme entschlossen, ergibt sich aus dem gemeinsamen Ziel und der Gemeinschaft Verantwortung. Das zu erleben – und zwar nicht, weil es die Studienordnung vorgibt – ist ein wichtiger Aspekt. Ich sehe die Teilnahme an den repräsentativen universitären Ensembles nicht als reine Freizeitbeschäftigung.

Ist die Universitätsmusik auch mit der Forschung verbunden?

Ja, vielfältig. In Tübingen gab es beispielsweise ein wissenschaftlich begleitetes Komponistinnen-Festival. In Filmmusikkonzerten in Dortmund wurden dem Publikum Ergebnisse des Projekts „Die Physik bei Star Trek“ präsentiert. In Köln wurde ein Kongress mit Konzerten zu Stockhausen veranstaltet – er war hier auch Student der Uni –, an dem mehrere seiner engsten Vertrauten teilnahmen. In Göttingen kam kürzlich mit wissenschaftlichem Begleitprogramm eine chorsinfonische Auftragskomposition zur Uraufführung, die sich mit Quantenphysik auseinandersetzt. Auch die naheliegenden Anknüpfungen gibt es: Die Forschungsstelle Camille Saint-Saëns an der TU Dortmund etwa gibt über einen langen Zeitraum dessen sämtliche Instrumentalwerke heraus. Die ansässige Universitätsmusik führt von Zeit zu Zeit Neu- oder Wiederentdeckungen auf.

Die Universitätsmusik ist eine Schnittstelle, die bei der Vermittlung fachspezifischer Inhalte an ein breites Publikum unterstützen und anders herum auch den Diskurs und die Auseinandersetzung mit den großen Fragen unserer Zeit anfachen kann. Nicht umsonst sind wir an den Universitäten zwischen all den Fächern verortet. Und unsere Ensembles sind Schwarmintelligenzen am Puls der Zeit. Deshalb hinterfragen sie auch uns Leitende und die Werke immer wieder. Das gibt uns die Chance, uns weiterzuentwickeln und die Musik in besonderer Weise auch kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Den Musikhochschulen wird oft vorgeworfen, zu rückwärtsgewandt auszubilden und damit einen „zentrifugalen“ universitären Auftrag, stets das Neue und Neueste in den Mittelpunkt zu stellen, zu vernachlässigen (so u. a. Fabien Levy 2021 in der nmz): „Es erscheint uns normal, dass Studierende mit den fortschrittlichsten Theorien und Praktiken in Berührung kommen, auch mit solchen, die im Mainstream noch umstritten sind, und dass Dozierende sie anleiten, die neuesten Werkzeuge und Praktiken zu meistern, anstatt nur das weiterzugeben, was sie selbst einst gelernt haben.“

Umgekehrt wollen die so fortschrittlich ausgebildeten Studierenden der Unis am Abend lieber Bach, Mozart und Brahms hören als Lachenmann oder Rihm… – spielt dieser Widerspruch in Ihrer Wahrnehmung eine Rolle und wie begegnen Sie ihm bei der Auswahl Ihrer Programme?

Nein, einen solchen Widerspruch nehme ich nicht wahr. Ich denke, die große Mehrheit der Studierenden an Universitäten hört ganz andere Musik, und insgesamt ein sehr breites Spektrum.

Bei der Auswahl unserer Programme achten wir auf Ausgewogenheit. Viele Studierende sind sehr offen und auch interessiert daran, Unbekanntes zu entdecken. Manche wollen nur die großen Werke machen. Der Schlüssel liegt in einer guten Mischung.

Partizipation halte ich für essentiell. Im Orchester gibt es bei uns beispielsweise regelmäßig Wunschprogramme: Alle können Vorschläge machen. Danach wird abgestimmt. Ich finde das ideal: Zum einen werden immer interessante Stücke vorgeschlagen, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Zum anderen können sich alle direkt mit der Musik identifizieren. Die Semester mit Wunschprogrammen sind Selbstläufer. Anders kann das werden, wenn der „Elias“ – wiederum bei den Chören ein Selbstläufer – auf dem Programm steht. Ein Uni-Orchester will Sinfonien spielen und nicht 40 Nummern proben. An ein solches Semester muss man anders herangehen. Das habe ich im Laufe meiner inzwischen schon 34 Semester als UMD in Köln früh lernen müssen. Nun kann es nicht jedes Semester Wunschprogramme und große Oratorien geben. Im Puzzle der Programmgestaltung und Engagements schließen manche Faktoren bestimmte Programme aus und legen andere nahe.

Die Aufführung von Werken außerhalb der Komfortzone und heutiger Musik sollte meiner Meinung nach immer Teil unserer Arbeit sein. Auch das Publikum sollte regelmäßig mit unbekannter Musik konfrontiert werden.

Wie dominant ist die Beschäftigung mit Neuer und mit Alter Musik? Welche Impulse hinsichtlich der Chormusik gehen von den Universitätschören aus?

Musik des 19. und 18. Jahrhunderts ist sicherlich das Kernrepertoire. Aber das Repertoire reicht weiter zurück, zu Scheins „Israelsbrünnlein“ oder Vecchis „L’amfiparnaso“ etwa und noch viel früherer, mittelalterlicher Musik. Manche von uns haben einen Schwerpunkt in Alter Musik außerhalb ihrer Aufgaben als Musikdirektor*innen.

Neue Musik unterschiedlichster Art spielt bei uns eine große Rolle, auf vielfältige Weise. Bei uns in Köln nehmen wir beispielsweise gerade mit dem Kammerchor über mehrere Jahre hinweg komplexe zeitgenössische Chormusik auf, die wir zum Teil im Laufe der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben und uraufgeführt haben. Die Musik ist so anspruchsvoll, dass wir pro Arbeitsphase nur 10, 12 Minuten Musik aufnahmereif vorbereiten können. Das übrige Konzert-Programm – die Aufnahmen finden im Anschluss an Konzerte statt – bleibt dafür weniger aufwendig in der Einstudierung. Das ist ein ungewöhnliches Vorgehen, aber es ist mir ein Anliegen, diese substantielle Musik auf diese Weise dokumentieren zu können. Sie ist es wert. Schwieriger einzustudierende Chormusik wird in der Amateurszene immer seltener in Angriff genommen.

Im Verband haben wir weitere Pläne. Nach dem Vorbild der amerikanischen Unis wollen wir beispielsweise größere Kompositionen von mehreren Universitätsmusiken, die ein Konsortium bilden, in Auftrag geben und an jedem der Standorte uraufführen. Auch Kompositionswettbewerbe haben wir ins Auge gefasst.

Wieviel Neuheit ist einem Amateurensemble zumutbar? Was ist zu bewältigen und wie nehmen Sie auf Grenzen der Sing- oder Realisierbarkeit Rücksicht?

Das hängt von vielen Faktoren ab, etwa den Möglichkeiten, die konkreten Schwierigkeiten im Vorfeld einschätzen und diese bei der Einstudierung in Angriff nehmen zu können. Bei Auftragswerken ist der Dialog mit den Komponierenden wichtig. Schwierigkeiten sollten kein Selbstzweck sein.

Eine hohe Motivation der Gruppe kann Berge versetzen. Als Komponist frage ich mich manchmal bei Aufträgen – vor allem, aber nicht nur, für Amateurensembles: Hätten meine Chöre auch Lust darauf? Das war aber nicht immer so. Ich habe auch sehr schwere, zum Teil zu schwere Stücke geschrieben. Wenn man immer wieder die Grenzen dessen auslotet, was machbar ist, dann schießt man manchmal auch über das Ziel hinaus.

Sie denken also beim Schreiben Ihrer Musik an Grenzen des Machbaren. Denken Sie auch an das Publikum oder komponieren Sie autonom?

An die Grenzen des Machbaren auch in einer Weise, an die man nicht gleich denken würde: In einigen meiner Stücke ist die Gefahr des Scheiterns integraler Bestandteil der Musik, was Aufführungen sehr aufregend machen kann – es sind buchstäblich Drahtseilakte. Solche Grenzerfahrungen interessieren mich.

Ich denke an die Wirkung der Musik, insofern also auch an das Publikum. Musik für ein breites Publikum wird aber mehr als genug komponiert, da spielen andere Erwartungen und Ansprüche eine Rolle. Es hat sich eine oberflächliche, kommerziell ausgerichtete Pop-Klassik etabliert, die bequem einzustudieren ist und gut in die Mechanismen passt, wie Inhalte in Social Media rezipiert werden. Da geht es nicht um Innovation und Originalität, nicht um große Herausforderungen und Ansprüche an die kompositorische Substanz. Und andererseits weiß ich auch nicht, wohin die Kompromisslosigkeit, die als Tugend der Avantgarde-Komponisten angesehen wird, führt. Es ist in jedem Fall gut, dass wir nicht nur diese Extreme, sondern auch die Pluralität dazwischen haben. Im Spannungsfeld zwischen – wie es Mozart nannte – „Kenner“ und „Nichtkenner“, wird Musik schon seit der frühen Neuzeit geschaffen und rezipiert.

In den luftleeren Raum komponiert niemand. Wir sind geprägt von all dem, was wir wahrnehmen und wahrgenommen haben, und verarbeiten es in unserer Musik.

Was ist Ihre Vision von der Universitätsmusik der Zukunft in Deutschland, die wir als VDKC einerseits sehr lebendig erleben? Andererseits hören wir oft von fehlenden Mitteln, mangelnder Unterstützung und ungeklärten Verträgen für die professionelle Anleitung der Ensembles. Ist die Kunst bei den Unileitungen nur ein „nice to have“ oder ein wirkliches Anliegen, das letztendlich Standorte attraktiver und Menschen kreativer macht?

Die transformative und sinngebende Kraft von Musik kann nicht hoch genug geschätzt werden. Dafür braucht es Räume und Ressourcen und Persönlichkeiten, die Räume eröffnen und Ressourcen zur Verfügung stellen. Viele Universitätsleitungen stehen dem zumindest nicht im Wege, manche unterstützen mit voller Überzeugung. Wir in Köln beispielsweise haben starken Rückhalt und Rückenwind trotz der aktuellen Herausforderungen, mit denen sich die Hochschulen konfrontiert sehen.

Wahr ist auch, dass unser Verband bereits zwei Mal mit offenen Briefen interveniert hat im Bemühen, drohende Streichungen abzuwenden. Einmal ging es um eine Musikwissenschaftsprofessur – also im engeren Sinne eigentlich keine Stelle aus unserem Bereich –, die letztlich erhalten blieb. Beim anderen Fall in Rostock, der noch offen ist, geht es um eine Musikdirektorenstelle.

Insgesamt wächst das Bewusstsein dafür, dass Musik – und auch Sport – nicht nur ein Aushängeschild der Universität sein kann, das den Studienalltag auf vielfältige Weise bereichern kann, sondern dass die Studierenden, die die Welt von morgen prägen, mit Musik zu besseren Menschen werden können.

Wir müssen dazu inspirieren, die Infrastruktur für Musik weiter ausbauen, so dass Studierende möglichst vielfältige, gute Musik erleben können. Alles Weitere kann sich daraus in alle möglichen Richtungen hin differenzieren. Auch wenn Menschen dazu berufen sind, Musik zu machen und es sowieso tun werden, müssen wir uns Musik etwas kosten lassen.

Wie geht es mit dem neugegründeten Netzwerk der Universitätsmusik in Deutschland weiter? Was halten Sie von einer gemeinschaftlichen Initiative eines universitären Musikfestivals – sollten Netzwerk und VDKC damit vorangehen?

Es kommt zu immer mehr Kooperationen. Dieses Jahr noch singt etwa der Kölner Uni-Chor mit der Chorakademie Dortmund und dem Orchester der Dortmunder TU Verdis Requiem. 2026 widmen sich zwei Kammerchöre Chormusik für bis zu 40 Stimmen – Tallis' bekanntes „Spem in alium“ ist dabei, aber auch Werke von Górecki und Striggio. 2026 wird in Gießen ein großes Orchesterfestival mit den Sinfonieorchestern von sechs Standorten stattfinden, 2027 ein bundesweites Event mit zahlreichen Chören und Orchestern. 2029 treten Chöre und Orchester im Rahmen der BuGa auf der Loreley Freilichtbühne auf. Es sind auch internationale Kooperationen geplant.

Wir überlegen, alte wie auch neue Werke abseits des Kanons zugänglich zu machen, die von Verlagen nicht herausgegeben werden, weil das für sie zu teuer und wirtschaftlich zu riskant ist. Mit den Expertisen in unserem Verband – musikwissenschaftlich, editorisch, notensatztechnisch – ist das etwas, das in den kommenden Jahren nach und nach in Angriff genommen werden könnte. In absehbarer Zeit wird es außerdem auf Bundesebene ein großes Projekt geben, über das ich jetzt noch nichts sagen kann. Wir müssen schauen, was zu verwirklichen realistisch und sinnvoll ist, und in welcher Reihenfolge. Ideen gibt es genug.

Zu Ihrer letzten Frage: Unbedingt! Es gab ja schon Kooperationen zwischen unseren Ensembles und dem VDKC. Wir haben über ein solches Festival auch bereits nachgedacht. Es könnte, international ausgerichtet, neben Auftragswerken und Kompositionswettbewerben auch diverse Master Classes umfassen. Let’s do it.

VDKC

20.10.2025

Veranstaltungen der Mitgliedschöre

Kinderchöre: Singen zum 1. Advent / Koncert z okazji pierwszego Adwentu
29.11.2025 15:00 - 16:00
Frankfurt (Oder)
Singakademie Frankfurt/O. Nachwuchschöre


Adventskonzert Katholische Kirche "Herz Jesu"
29.11.2025 15:00 - 17:00

schola cantorum weimar


Chorworkshop mit Abschlusskonzert 29.11.25 zum Advent
29.11.2025 15:00 - 20:30

cantus aurumque


Samstagsmotette in der Thomaskirche
29.11.2025 15:00 - 16:00

amici musicae


Adventskonzert
29.11.2025 17:00 - 18:00
Leipzig
Hallenser Madrigalisten


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Auf Antrag des VDKC wurde die „Chormusik in deutschen Amateurchören" in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes (UNESCO-Konvention) aufgenommen.

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Der VDKC ist Mitglied im Bundesmusikverband Chor & Orchester - dem übergreifenden Dachverband von bundesweit tätigen weltlichen und kirchlichen Chor- und Orchesterverbänden.

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Der VDKC ist Mitglied im Deutschen Musikrat, der sich für die Interessen von 15 Millionen musizierenden Menschen in Deutschland engagiert und weltweit der größte nationale Dachverband der Musikkultur ist.

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Der schlaue Fuchs Amu (der Name steht für "Amateurmusik") gibt Antwort auf Fragen der Amateurmusik. Das Infoportal enthält zahlreiche Angebote für die Ensemblepraxis.

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