CHORizonte: Reflexionen zur Chormusik des 21. Jahrhunderts
Ekkehard Klemm im Gespräch mit Simon Halsey (Englischer Dirigent mit weltweitem Wirkungskreis, Künstlerischer Berater und Chorleiter, Chorbotschafter, Ehrendirigent, Erster Gastdirigent, Professor für Chorleitung)
EK: Als Sohn eines Chorleiters und einer Sängerin sind Sie direkt ins Chorsingen hineingeboren! Wäre Ihre Biografie auch ohne diesen privaten Hintergrund ähnlich verlaufen? Welche Rolle spielte dabei das vitale System der englischen Chorschulen?
SH: Ich gehöre einer Generation an, die in der Schule, in der Kirche und zu Hause mit Musik in Berührung kam. Alle sangen in der Schule. Jedes Kind konnte dort auch kostenlos ein Instrument lernen. Es gab ein umfangreiches System von Jugendensembles, die von den lokalen Behörden gefördert wurden. Die Kirchenbesuche waren häufiger als heute, und die Kirchenchöre sangen mindestens einmal pro Woche eine Motette – in ihren prächtigen Gewändern. In Großbritannien ist all dies in den letzten Jahrzehnten nahezu verloren gegangen. Gerade erst hat einer unserer nationalen Jugendchöre seine gesamte finanzielle Förderung verloren. Die Regierung sieht keinen Nutzen in seiner Existenz! Wir leben in schwierigen Zeiten.
Unsere Chorschulen existieren jedoch noch immer und florieren sogar. Wir haben sie modernisiert und auch für Mädchen geöffnet. Inzwischen singen fast doppelt so viele Kinder wie früher in unseren wunderbaren Kathedralchören. Das ist fantastisch!
Aber es handelt sich dabei meist um Privatschulen. Und obwohl großzügige Stipendien zur Verfügung stehen, sind diese Möglichkeiten doch nicht für jeden erreichbar.
Meine Eltern waren fest davon überzeugt, dass eine Ausbildung an einer Chorschule von großem Nutzen ist. Ich sang im New College in Oxford als Knabensopran im Alter von 8 bis 13 Jahren, dann von 13 bis 17 Jahren an einer privaten Sekundarschule mit einem großartigen Kapellchor und schließlich an der Universität im weltberühmten Chor des King's College in Cambridge. Es war eine wunderbare Erfahrung, jedoch auch sehr zeitaufwendig und anspruchsvoll, und ich musste seit meinem achten Lebensjahr weg von zu Hause leben. Für meine eigenen Kinder schien mir das dann später nicht ein geeignetes Lebensmodell zu sein.
Das Vereinigte Königreich ist durch eine große Chancenungleichheit gekennzeichnet. Ich hatte das Beste, aber so viele andere haben keine Chance, und ich habe mein Erwachsenenleben dem Versuch gewidmet, Chormusik für ALLE zugänglich zu machen.
Was unterscheidet das britische System der Amateurchöre vom deutschen, was läuft auf der Insel besser, wovon könnten wir lernen?
Der wesentliche Unterschied zwischen allen englischsprachigen Ländern und deutschsprachigen Ländern besteht darin, dass es in ersteren nur sehr wenige professionelle Ensembles gibt, dafür aber eine riesige Amateurszene. Dies lässt sich historisch zurückverfolgen. Wir hatten nie Hoforchester oder konkurrierende Erzbischöfe und Fürsten, die die Oper förderten.
Unsere Tradition basiert auf A-cappella-Kirchenmusik, die in den Chorschulen lebendig gehalten wird. Seit dem 18. Jahrhundert haben sich die großen Oratorienchöre etabliert. Händels Musik wurde zu seiner Zeit manchmal von Ensembles mit 800 Singenden aufgeführt. Und es existiert auch die wichtige Tradition von Männerchören und Blaskapellen am Arbeitsplatz.
Bis heute gibt es nur etwa fünf Opernhäuser und ein Dutzend Orchester, die in ähnlicher Weise finanziert werden wie in Deutschland. Die meisten Klangkörper jedoch sind freiberufliche Ensembles mit sehr geringer oder gar keiner staatlichen Unterstützung. Und da die Wirtschaft derzeit nicht floriert, ist unsere Musik- und Kunstszene stark eingeschränkt.
Diese Rahmenbedingungen haben auf alle Musikschaffenden Einfluss. Unsere Komponisten haben schon immer für die Bedürfnisse der Amateurmusikszene komponiert. Zum Beispiel gibt es häufig alternative Stimmen für seltenere Instrumente, die in einem kleinen oder Amateurorchester möglicherweise nicht verfügbar sind: Horn 3/4 ist beispielsweise als zusätzliche Klarinettenstimme verfügbar.
Das erweist sich als großer Vorteil. Unsere Komponisten haben schon immer praktische und zugängliche Musik geschrieben und sind unglaublich geschickt darin, gute Stücke für Kinder, Jugendliche und Amateure zu komponieren. Vaughan Williams, Holst, Britten, Weir, Panufnik, Dove – sie alle haben fabelhafte Gemeinschaftsopern komponiert (und sogar Purcells Dido und Aeneas könnte für eine Schule geschrieben worden sein).
Wie definiert sich die Balance zwischen Profi- und Amateurchören in England und international?
Wir haben die BBC Singers, unser großartiges Radioensemble mit Sitz in London.
Alles andere gehört zur Amateurmusik. Allerdings gibt es noch die Ausnahme der berühmten freiberuflichen Chöre (Tallis Scholars, The Sixteen, Voces 8, The Monteverdi Choir usw.). Auch die sind professionell, erhalten jedoch keine staatlichen Subventionen. Sie sind dennoch äußerst erfolgreiche Unternehmen.
Unsere Universitätschöre sind fantastisch, insbesondere in Cambridge. Auch die Jugendchorszene ist stark, aber aufgrund fehlender Mittel ständig von der Schließung bedroht. Die Privatschulen haben eine fantastische Musikausbildung. Auch unsere staatlichen Schulen können gut sein, aber das hängt von den Prioritäten der Schulleitung ab.
Überhaupt: Als heutiger Chorleiter muss man bereit sein, zu kämpfen!
Als inspirierender Dirigent großer Chor-Events musizieren Sie bei diesen Gelegenheiten oft ein Repertoire von Händel bis Rutter – wie viele künstlerische Zugeständnisse muss man bei solchen Konzerten machen? Wiegt das Gemeinschaftserlebnis letztendlich die Abstriche an interpretatorische Genauigkeit, Tempo, Artikulation etc. auf?
Mitsing-Konzerte sind großartig! Wir bringen 1.200 Enthusiasten aus aller Welt zusammen, um gemeinsam in unseren großartigen Sälen und mit unseren professionellen Orchestern und Chören Musik zu machen. Unsere professionellen Ensembles genießen das Gefühl der Verbundenheit mit einer größeren Gemeinschaft, und so kommen diese Veranstaltungen in jeder Hinsicht allen zugute.
Die Teilnehmenden sind erstaunlich gut vorbereitet, sodass ich musikalisch kaum Kompromisse eingehen muss.
Und denken Sie daran, dass die Tradition des Oratoriums auf großen Aufführungen basiert. Haydn sah „Messiah“ mit 800 Mitwirkenden und beschloss daraufhin, „Die Schöpfung“ zu schreiben. In London war ein Haydn-Konzert mit drei gleichzeitig spielenden Sinfonieorchestern geplant, das Haydn aufgrund seiner schlechten Gesundheit nicht selbst dirigieren konnte. Einen 1.200 Stimmen starken Chor hatte Verdi zur Verfügung, als er in London sein „Requiem“ dirigierte.
Wie groß ist die Gefahr, dass durch Großevents das Chorsingen nur als Massenveranstaltung wahrgenommen und dadurch Repertoirevielfalt und Differenzierung leiden? Wie viele Impulse im Sinne der Nachhaltigkeit des Singens im Alltag, in Kitas, Schulen und der „wöchentlichen Chorprobe“ als Schule des gemeinsamen Singens gehen von den Veranstaltungen aus?
Mitsing-Veranstaltungen sind und sollten auch weiterhin gelegentliche „Sahnehäubchen“ bleiben. Sie machen nur einen Bruchteil meiner Arbeit aus. Meistens arbeite ich ganz kontinuierlich mit meinen Chören.
Aber ich engagiere mich auch intensiv in der Community-Oper, in der Jugendarbeit und in der Öffentlichkeitsarbeit. Wenn wir nicht für das eintreten, woran wir glauben, warum sollte Musik dann eine Zukunft haben? Wir stehen wie nie zuvor im Wettbewerb mit Tausenden anderen Lebensentscheidungen.
Wir alle müssen unser Bestes tun, um zu helfen. Ich bin zufällig besonders gut in Mitsing-Veranstaltungen – das ist mein Beitrag!
Wie erleben und bewerten Sie die deutsche Chorlandschaft, die sich in den Erfahrungen unseres Verbandes, des VDKC zurzeit sehr zu einer Landschaft von Projekt- und Kammerchören hin entwickelt und zunehmend die Individualität in den Mittelpunkt des Chorerlebnisses stellt?
Freuen Sie sich immer über das, was Sie bereits haben, und feiern Sie es! Stellen Sie sich dann vor, wie Sie zu einer besseren Welt beitragen könnten, indem Sie vorhandene Lücken bei Angeboten schließen und Projekte ins Leben rufen, die neue Menschen zum Mitmachen motivieren. Das kann vieles sein: Repertoire, Veranstaltungsorte, Tageszeiten, Probenabläufe… Seien Sie bereit, alles zu ändern!
Chormusik kann die Gesellschaft zusammenbringen. Engagieren Sie sich! Wir können noch sehr viel mehr erreichen. Weltweit gibt es großartige Beispiele dafür, wie Musik einem viel größeren Teil der Menschheit zugänglich gemacht werden kann. Dabei muss das Rad nicht neu erfunden werden; wir können voneinander lernen.
Spannende Fragen, die Sie sicherlich ebenso beschäftigen, sind für mich: Ist unser Repertoire repräsentativ für die Menschen, die in unserer Gemeinde leben? Wie steht es mit einer Ausgewogenheit der Geschlechter im Bereich der Komponisten und Dirigenten?
Wie viel avancierte neue Musik trauen Sie Amateurchören zu? Gibt es eine Trennlinie, ab der Sie sagen: Hier müssen Profis ran?
Das ist eine Frage, die man so nur in Deutschland stellen würde!
Für mich ist ganz klar: Es sollte keine Trennung zwischen Komponisten und Musikern geben. Und in den meisten Ländern gibt es diese auch nicht. Die Welt ist voller Chöre, die hauptsächlich zeitgenössisches Repertoire singen, und wunderbar begabter Komponisten, die ausgezeichnete praktische Musik schreiben.
Wirken Sie in den Kontakten zu Komponistinnen und Komponisten darauf ein, Musik zu schreiben, die auch von Amateuren musiziert werden kann?
Ja, aber nur für Gemeinschaftsopern und Werke für Orchester und Jugendchor.
Es gibt nur einen winzigen Teil der jüngeren Musikgeschichte, in dem Komponisten „schwierige“ Musik geschrieben haben! Ich bin in dieser Zeit aufgewachsen, aber sie ist vorbei.
Ich rate Komponisten, die Tenöre nicht zu teilen, den Sängern Pausen zu gönnen und eine stimmige Kompositionsstruktur zu finden. Aber ansonsten wähle ich einfach gut ausgebildete Komponisten aus, die wissen, was sie tun. So einfach ist das wirklich!
Ich erzähle gerne die Geschichte von Julian Anderson, der sich nicht sicher war, wie man für Chöre komponiert. Also wurde er Mitglied im London Philharmonic Choir und sang dort so lange, bis er ein sicheres Gespür für Stimme und Chor entwickelte.
Was geben Sie den deutschen Musikhochschulen bei der Ausbildung einerseits von Sängerinnen und Sängern, andererseits von Dirigentinnen und Dirigenten mit auf den Weg?
Wir sollten uns immer bewusst sein, dass der wichtigste Bereich der Musik der Chorgesang ist, dass die Gesellschaft Tausende von Dirigenten, Korrepetitoren und Gesangslehrern benötigt und dass dieser Markt für gut ausgebildete Fachkräfte unbegrenzt ist. Hier liegt unglaublich viel Potential. Die Risiken dürfen Sie getrost ignorieren!
VDKC
29.07.2025



