Jubiläumskonzert des Offenbacher Oraorienchores in der Offenbacher Lutherkirche am 9. Mai 2026 (Martin Schultheis)
Jubiläumskonzert des Offenbacher Oraorienchores in der Offenbacher Lutherkirche am 9. Mai 2026 (Martin Schultheis)

Musikalische Kreativität im Wandel der Zeiten

Wenn die Sängerinnen und Sänger des Offenbacher Oratorienchor – Sängerverein 1826 in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag feiern, ist dies Anlass für ein außergewöhnliches Konzert- und Ausstellungsprogramm, das die bewegte Geschichte des traditionsreichen Vereins widerspiegelt.

Die Gründungsgeschichte des Sängervereins, der neben dem Frankfurter Cäcilienchor der älteste gemischte Chor im Rhein-Main-Gebiet ist, nahm am 6. Juli 1826 ihren Anfang, als 15 wander- und sangesfreudige Männer des Offenbacher Turnvereins bei einem fröhlichen Wanderausflug auf den benachbarten Feldberg im Taunus den Verein ins Leben riefen.

Seine Gründung war neben dem Wunsch des Musizierens eine Folge der politisch sehr bewegten Jahre zu Beginn des 19. Jahrhunderts und Ausdruck freiheitlich patriotischer Gesinnung. Auch Geselligkeit und Wohltätigkeit gehörten zum Vereinszweck.

Zeichen der von Beginn an engen Verbindung zu Offenbach und seiner Bürgerschaft ist die 200-jährige Freundschaft mit dem traditionsreichen Offenbacher Musikverlag und Musikhaus der Familie André. So finden sich im aktuellen Chorrepertoire auch Werke des Verlegers und Komponisten Johann Anton André, der gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern eng mit der Gründung des Chores verknüpft ist. 

Auch wenn der Chor so viel Traditionsreiches mit sich bringt, so hat er doch durch Anpassung, notwendig innovatives Denken, einer nie versiegenden Abenteuerlust auf Neues und einem Quäntchen Mut viel innere und äußere Veränderungen durchlaufen. Während nach den vorangegangenen und langjährigen Chorleitungen von Horst Welter und Regine Marie Wilke traditionsreiche Oratorienwerke, szenische Opern und zeitgenössische Werke aufgeführt wurden, hat sich der Chor seit 2020 mit seiner Chorleiterin Judith Bergmann, selbst Sängerin, Stimmbildnerin und Dozentin im Fach Gesang an der Musikpädagogischen Fakultät der Uni Würzburg, ein frisches moderneres Auftreten gegeben. Sein Repertoire reicht von Barock bis hin zu zeitgenössischen Chorwerken, sowie Jazz, Pop und experimentelle Musik, teils a cappella oder begleitet gesungen, unterstützt durch intensive Stimmbildung und Atemschulung. 

Sein Wunsch nach bewusster Verbindung von Altem und Neuem zeigt sich in neuerer Zeit immer wieder in der Wahl seiner Konzertorte. Neben Kirchen werden alltägliche, öffentliche und auch geschichtsrelevante Plätze der Stadt Teil des Geschehens für ungewöhnliche Konzertprogramme. Es entstanden Crossover-Konzerte wie das Konzert „Sound of Silence“ mit Filmmusiken, abwechslungsreiche Adventskonzerte, die musikalischen Stadtspaziergänge „Stadtgesänge“ durch Offenbach. 

Den 200. Geburtstag feierte der Chor am 9. Mai 2026 mit einem Jubiläumskonzert, das das Publikum auf eine musikalische Zeitreise durch die Vereinsgeschichte mitnahm. Dabei wurde die Wandlungsfähigkeit des Chores ebenso sichtbar wie seine musikalische Vielfalt. Der musikalische Zeitstrahl führte vom „Te Deum“ des Offenbachers Johann Anton André über Werke alter Meister wie Brahms und Bruckner zum „Dies Irae“ von Michael John Trotta, das den alten Hymnus eindrucksvoll mit modernen Chorklängen verwebt. Die einzelnen Stationen entwickelten sich über „Weylas Gesang“ von Hugo Wolff schließlich hin zu Schlagern der Golden Twenties und vermischten sich mit altbekannten Klängen von Summertime (Georg Gershwin) und Lullaby of Birdland, immer im moderativen Spiegel der Vereinsgeschichte begleitet. Auch die Girlband Spicegirls durfte mit einer schmissigen Madrigalversion ihres Hits „Wannabe“ nicht fehlen. Ebenso fand die isländische Künstlerin Björk Eingang ins Konzert sowie Adele mit „Skyfall“.

Begleitend zum Konzert war im Offenbacher Rathaus eine Jubiläumsausstellung zu sehen, bei der die ältesten Dokumente und Gegenstände aus der Gründerzeit stammten, von einer schmuckvollen Pfeife mit den Namen der ersten Mitglieder über graphisch außergewöhnlich gestaltete Programmhefte und Plakate, historische und aktuellen Festschriften.

Zum 200-jährigen Jubiläum wurde der Chor im Rahmen der Vernissage mit der Goldenen Ehrenplakette des Landes Hessen und einer Ehrenurkunde seiner Heimatstadt Offenbach für das „herausragende kulturelle und gesellschaftliche Engagement“ ausgezeichnet.

Der Liedtext des Konzertabschlusses „Sing, sei, lebe, sieh… In dieser dunklen stürmischen Stunde weht der Wind. Die verbrannte Erde schreit vergeblich… Aber Musik und Gesang waren meine Zuflucht, und Musik und Gesang sollen mein Licht sein…“ aus Frank Tichelis „Earth Song“ erscheint in seiner Formulierung sehr bildhaft und dramatisch. Er hat jedoch einen ausgesprochen aktuellen Bezug, der die Vereinsgeschichte eindrücklich widerspiegelt.

Viele Menschen verspüren durch die rasanten Entwicklungen und die Krisen des aktuellen Weltgeschehens Unruhe und Angst. Doch der Rückblick in die Chorgeschichte und aktuelle, selbst erlebte Erfahrungen der Sängerinnen und Sänger zeigen: gerade in schwierigen Zeiten, in denen keine Zeit für jegliche Form von Kunst zu sein scheint, wenden sich die Menschen verstärkt der Kunst zu, weil sie Anker und Hoffnung für das Schöne und Gute im Menschen und für friedliche Gemeinschaft sein kann. Dies ist der Grund dafür, dass der Oratorienchor 200 Jahre lang alle Lebenswellen genommen hat.

Judith Bergmann, Cordula Uischner-Peetz 

Veranstaltungen der Mitgliedschöre

Chorkonzert mit Bach, Brahms und Sisask
10.10.2026 15:00 - 16:30
Sankt Ottilien
MonteverdiChor München


Sende dein Licht - Chorkonzert des Bachverein Düsseldorf
10.10.2026 16:00 - 17:30

Bachverein Düsseldorf


Mozart & Pabst Requiem-Vertonungen
10.10.2026 17:00 - 19:30
Potsdam
Singakademie Potsdam


"Von der Dunkelheit ins Licht": Werke von Ravel, Fauré und Mendelssohn
10.10.2026 17:00 - 18:30
Düsseldorf
projektChor Düsseldorf


… zu unsern Zeiten – Chormusik zum Thema Frieden und Demokratie
10.10.2026 19:00 - 20:00
Metzingen
Südwestdeutscher Kammerchor


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Auf Antrag des VDKC wurde die „Chormusik in deutschen Amateurchören" in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes (UNESCO-Konvention) aufgenommen.

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Der VDKC hat die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet und setzt damit ein klares Zeichen für eine vorurteilsfreie und zukunftsorientierte Arbeitskultur.

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