Jubiläumskonzerte mit Bachkantaten und Marienvesper
Eine große Kladde aus braunem Leder bewahrt das Gründungsprotokoll des Marburger Bachchores vom 18. August 1966.
Eine Handvoll Studierende an der Philipps-Universität zu Marburg entschied sich zum Namen des Chores in erster Linie als Verpflichtung, anspruchsvolle Chorliteratur aufzuführen. Sie sahen sich als Teil einer Chorszene, welche die Aufführungspraxis der Nachkriegsjahre weiterentwickelte, wie es z. B. durch Helmut Rilling und seine Gächinger Kantorei geschah. Ab 1970 und für weitere 31 Jahre formte Wolfram Wehnert als künstlerischer Leiter die Entwicklung des Chores; Rundfunk und Schallplattenaufnahmen zeugen von diesem Weg. Unter der tatkräftigen, bisweilen fast abenteuerlichen Hilfe von Chormitgliedern gelang es in den 70er Jahren, das über zwei Jahrhunderte verschlossene kirchenmusikalische Werk von Jan Dismas Zelenka wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Zelenka, tschechischer Zeitgenosse von Bach, wurde in einer Reihe von nationalen wie internationalen Konzerten (u.a. auch in seiner langjährigen Wirkungsstätte Prag) in Rundfunk-, Schallplatten- und CD-Aufnahmen gewürdigt, wofür dem Chor besondere Anerkennung zuteilwurde.
Neben den Werken Bachs umfasst das Repertoire des Chores Kompositionen von der Renaissance bis zur Gegenwart und führte sie in vielen Orten Europas auf, u.a. auch in den 90er Jahren des politischen Umbruchs in der DDR, im Baltikum und Moskau, später auch in Bulgarien, Rumänien, Slowenien und Polen.
Seit 2002 liegt die künstlerische Leitung des Chores in den Händen von Nicolo Sokoli. Er führt das Anliegen des Marburger Bachchores fort, mithilfe seiner musikalischen Arbeit kulturelle Brücken zu bauen und nationale als auch soziale Grenzen zu überschreiten.
Die konzertante Feier zum 60. Geburtstag stand an erster Stelle für den Namensgeber. Am 26. April 2026 führte der verkürzt benannte „MBC“ unter dem Titel „Bach pur“ drei Kantaten auf. Sie orientierten sich am Osterfestkreis – von der Auferstehung über die Himmelfahrt bis zur Sendung des Geistes –, der geistlich wie musikalisch zur reichsten Zeit des Kirchenjahres gehört. Bach für diesen Bogen einige seiner eindrucksvollsten Vokalkompositionen geschaffent: „Christ lag in Todes Banden“ (BWV 4), „Lobet Gott in seinen Reichen“ (BWV 11) und „Erschallet, ihr Lieder“ (BWV 172) beleuchten jeweils ein Glied derselben heilsgeschichtlichen Kette und sind doch in Klangsprache, Ausdruck und theologischer Deutung ganz eigenständig. Das Konzert wurde vom Hessischen Rundfunk (hr kultur) aufgezeichnet und im Mai 2026 gesendet. Zugleich wurde es professionell optisch mitgeschnitten und als Video bei YouTube veröffentlicht. Als zweites Jubiläumskonzert wird am 6. Dezember 2026 die Vesperae beatae Mariae virginis von Claudio Monteverdi, gemeinhin als „Marienvesper“ bekannt, in der Lutherischen Pfarrkirche Marburg, der „Stammkirche“ des Chores, zu hören sein.
Der Marburger Bachchor ist als gemeinnütziger Verein an keine Institution gebunden und finanziert sich weitgehend über Konzerteinnahmen, Mitgliedsbeiträge, Zuwendungen der Stadt und des Landkreises sowie Spenden. Die Sängerinnen und Sänger sind Laien, z.T. mit gesanglicher Ausbildung.
Thomas Wolf
05.10.2026




