Zwei Doppel-Chor-Konzerte in Münster und Wuppertal
Dass Synergie der Stoff ist, aus dem Chormusik gemacht wird, ist eine Binsenweisheit. Jedenfalls ist mindestens den Leser*innen dieser Fachpublikation bestens bekannt, dass im gemeinsam Singen Dinge passieren, die mehr sind als nur die Addition von Stimmen und das Anwachsen der Lautstärke, und dass in den schönsten Momenten nicht nur jede Menge Energie seitens der Sänger*innen und Chorleiter*innen verbraucht wird, sondern sogar neue Energie entsteht, die sich auch auf das Publikum übertragen kann.
Insofern erscheint es beinahe redundant, ein Chorkonzert unter das Motto „Synergie“ zu stellen. Nicht jedoch im vorliegenden Fall:
Im Juni diesen Jahres gaben der Wuppertaler Kammerchor amici del canto unter ihrem Leiter Dennis Hansel-Dinar und der Kammerchor canticum novum unter Koon Tung Grant Sung aus Münster gemeinsam zwei Konzerte in der Heilig-Kreuz-Kirche in Münster und in St. Mariä Empfängnis in Wuppertal, die genau so hießen – und zugleich unter Beweis stellten, was so eine außergewöhnliche Zusammenarbeit zweier Kammerchöre bewirken kann.
„Nord- und südliches Gelände“
Dass die beiden Leiter einander gut kennen und aus dem einstigen Lehrer-Schüler-Verhältnis längst ein freundschaftlich-kollegiales geworden ist, war wohl die Voraussetzung für diese Zusammenarbeit und Garant ihres Gelingens. Denn da aufgrund der räumlichen Distanz die Einstudierung des Konzertprogramms überwiegend getrennt erfolgen musste, wurde die erste gemeinsame Probe mit Spannung erwartet – und siehe da, alles klappte wie am Schnürchen, so gut hatten die beiden Chefs sich aufeinander eingelassen und abgestimmt. Gelegentliche Phrasierungsunterschiede, ein paar Variationen in den Tempi – aber ansonsten hatten die Mitglieder beider Chöre sofort das Gefühl, die gleiche musikalische Intention und Interpretation zu verfolgen. Natürlich fing dann erst die Feinarbeit an – die war die reine Freude.
So konnten die doppelchörigen Mess-Sätze von Joseph Gabriel Rheinberger („Kyrie“ und „Gloria“ aus der „Cantus Missae in Es-Dur“) und Frank Martin („Credo“ und „Sanctus“ aus der „Messe pour double choeur a cappella“), die Robert Schumann‘schen achtstimmigen Vertonungen von Rückert und Goethe ebenso entspannt und engagiert angegangen werden wie Clytus Gottwalds sechzehnstimmige Bearbeitung von Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ und Samuel Barbers „Agnus Dei“ sowie die als Maximalkontrast ans Ende gesetzte Zugabe von Chen Yi, „Spring Dreams“.
Die ungewohnte Art der Leitung (beide Dirigenten wechselten sich in den Proben und den beiden Konzerten ab, und zwar so, dass am Ende jeder jedes Stück einmal dirigiert hatte) forderte besondere Aufmerksamkeit bei den Singenden: Diese sozusagen beständig auf die Zehenspitzen gestellte Wachsamkeit schlug sich insbesondere in den beiden Konzerten als höchste Konzentration überaus positiv nieder.
Die Weisheit am Schluss
So eine Zusammenführung zweier Ensembles zu einem einzigen großen Chor mag nicht immer der Weisheit letzter Schluss sein, aber für die Aufführung solch groß zu besetzender, höchst binnendifferenzierter A-cappella-Werke erwies es sich dieses Mal als ein Glücksfall.
Was in der ganz normalen Chorroutine dann doch manchmal unterzugehen droht, das fast schon Wunderbare der Synergie des gemeinsamen Singens – hier wurde es hörbar und war mit Händen zu greifen. Entsprechend waren alle Beteiligten glücklich und zufrieden und das jeweilige Publikum angemessen begeistert.
Stephan Trescher
26.10.2026




