Amateurmusik als wirtschaftlicher Impuls
Die Parlamentarischen Abende des Bundesmusikverbandes Chor und Orchester (BMCO) gibt es seit seiner Gründung im Jahr 2019. Sie gehören mittlerweile zu den angenehmen „Pflichtterminen“ der Amateurmusikszene und finden meist reihum in verschiedenen Landesvertretungen in Berlin statt.
2022 besuchte Staatsministerin Claudia Roth den Abend in der Berliner Akademie der Künste, 2026 war es wieder Zeit für ministeriellen Besuch: BKM-Chef Wolfgang Weimer ließ es sich nicht nehmen, die Bayerische Landesvertretung aufzusuchen und die Anwesenden mit einem Statement zu amüsieren, es stehe vor ihnen der „schlechteste Trompeter der Republik“, der in der Schule musikalisch sehr deutlich der „Inklusion“ bedurft hätte. Es folgte ein sehr klares Bekenntnis zur Bedeutung der Amateurmusik inklusive des Hinweises, dass über den Haushaltsentwurf mit den von 4,6 Millionen Euro auf nunmehr nur noch 3 Millionen abgesenkten Mitteln des Amateurmusikfonds vielleicht doch noch Spielraum möglich sein könnte und mit entsprechendem Nachdruck auf die Abgeordneten noch Verbesserungen erzielt werden könnten. Leider gab der Terminkalender keinen längeren Aufenthalt her, man hätte gern noch ins Gespräch kommen wollen. Weimer verabschiedete sich mit einer Erinnerung an sein zuletzt besuchtes klassisches Konzert: Brahms‘ „Ein deutsches Requiem“ – natürlich mit Christian Thielemann.
Gerade dieses Beispiel zeigt die enorme Diskrepanz zwischen Amateurmusik und Opernbetrieb. Ein solcher Abend dürfte in seiner Realisation fast die Summe ganzer Projekte des Amateurmusikfonds aufbrauchen: Staatskapelle Berlin, Konzertsaalmiete Philharmonie, Honorare, Übertragungskosten für Rundfunk und TV usw. – der/dem Amateurmusiker*in gehen bei den dazu nötigen Summen (über die nur gemutmaßt werden kann) mitunter die Augen über. Zum Vergleich: 16,3 Millionen Euro Amateurmusizierende bekommen im Augenblick pro Nase 0,28 Cent Unterstützung – pro Jahr (4,6 Mill. geteilt durch 16,3 Mill. = 0,28). Diese Summe soll nun – nach der anfänglichen Aufbruchsstimmung, den Fonds eingerichtet und damit die Amateurmusik nach Corona wirksam unterstützt zu haben – wieder auf 3 Mill., mithin auf 0,18 Cent pro musizierendem Menschen, gekürzt werden.
Wir könnten das als einen unfreundlichen Akt in Zeiten finanzieller Krisen einstufen, gäbe es nicht seit letzter Woche eine ganz andere Bezugsgröße: Eine vom BMCO angeregte Studie hat die wirtschaftlichen Impulse und Ausgaben untersuchen und errechnen lassen, dass die Amateurmusik in ihrer Gesamtheit 22,4 Milliarden (!) Euro ausgibt, was noch mehr ist als die von der gesamten deutschen „Musikwirtschaft“ erwirtschafteten 17,4 Mrd.
Nun lassen sich schlecht Äpfel mit Birnen vergleichen, warum aber die mit sehr viel öffentlichen Förderungen – um den seit Richard Weizsäckers Rede von 1991 umstrittenen Begriff der ‚Subventionen‘, die eigentlich ‚Investitionen‘ heißen müssten, zu umgehen – ausgestattete und arbeitende Musikwirtschaft von Bund, Land und Kommunen recht viel Geld erhält (80–90% Subventionsquote bei 4,61 Mrd. Kulturausgaben etwa für Theater und Orchester in 2021), während ein ganzer Kreativbereich, den Menschen freiwillig mit sehr viel Leidenschaft gestalten, damit Gemeinschaft fördern, Gesundheit erhalten, lebendige Demokratie betreiben, Demenz bekämpfen, Kinder-, Jugend- und Nachwuchsarbeit befeuern und mal so nebenbei 22,4 Mrd. € einbringen – warum das nur mit 4,6 Mill. € gefördert wird – besagte 0,28 Cent pro Nase – das verstehe, wer will, obwohl es sogar auf dem sprichwörtlichen Bierdeckel des Bundeskanzler schnell nachrechenbar wäre.
Es oblag beim Parlamentarischen Abend insbesondere den beiden bestens vorbereiteten Geschäftsführer*innen Theresa Demandt und Lorenz Overbeck und ihrer Präsidentin Derya Türk-Nachbaur, diese erfrischenden Zahlen zu präsentieren. Mögen sie nicht die viel wichtigere inhaltliche Diskussion überdecken, warum Menschen gemeinsam musizieren, zusammen singen, Kunst und Musik betreiben, kreativ sein wollen. Seit Längerem schon stört der argumentative Umweg, dass damit die Gesundheit verbessert und die Demenz bekämpft würde. Na selbstverständlich! Was denn sonst?! Warum treiben Menschen Sport, und warum gibt der Bund im Kernhaushalt des Staatsministeriums für Sport und Ehrenamt 387 Mill. € aus? Doch nicht nur, um Kinder gesund und alte Menschen weniger dement werden zu lassen!
Nun staunen wir über den Betrag von 387 Mill. € und wir wollen auf keinen Fall eine Neiddebatte lostreten. Warum sich aber die Musik mit 4,6 respektive demnächst 3 Mill. € begnügen soll – das sind 1/84 des Betrages – und, damit sie es bekommt, auch noch umständlich begründen und durch Studien beweisen muss, das ist allerdings niemandem zu vermitteln.
Beim Parlamentarischen Abend der Amateurmusik 2026 war es die ständig mit älteren Menschen arbeitende Musiktherapeutin Isabelle Vilmar, die auf §27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hinwies, nach dem jeder Mensch das Recht hat, „am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen“ und „sich an den Künsten zu erfreuen“. Wir hoffen, dass dieses Recht dem deutschen Staat künftig etwas mehr als 0,28 Cent – pro Jahr (!) – wert und die Vorgabe „frei teilzunehmen“ keine missverständliche Deutung zulässt: Das aktuelle Deutschlandticket als wahrscheinlich billigste Variante (wenn wir das Fahrrad stehen lassen), eine Probe oder ein Konzert aufzusuchen, liegt bei aktuell 63,- Euro – pro Monat.
Es geht also um nicht mehr oder weniger als darum, die Förderung der Amateurmusikszene auf komplett neue Füße zu stellen und vom bisherigen Ansatz einer jährlich neu zu beantragenden kurzfristigen Lösung, die neben viel Bürokratie vor allem Unsicherheit und Stress mit sich bringt, auf eine dauerhafte Unterstützung umzustellen.
Prof. Ekkehard Klemm
Präsident des VDKC
26.10.2026




