Foto: Dr. Cornelie Becker-Lamers und Ralf Schöne bei der Podcast-Aufnahme (Ralf Schöne)
Foto: Dr. Cornelie Becker-Lamers und Ralf Schöne bei der Podcast-Aufnahme (Ralf Schöne)

Cornelie Becker-Lamers fasst die Entwicklung des Requiems zusammen

Begriffsklärungen und liturgische Einordnungen rund um das christliche Totengedenken sind Gegenstand einer neuen Podcastfolge des VDKC. Musik als fester Bestandteil der gottesdienstlichen Feier wird mit Clemens von Alexandrien ab dem 3. Jahrhundert etabliert.

Seit dem Frühmittelalter haben sich feste Beerdigungsrituale in der abendländischen Kultur entwickelt.

Am Anfang der Überlieferung steht die Vermittlung geistlich-eschatologischer Inhalte zum Totengedenken. Nicht die individuelle Biographie der jeweiligen Verstorbenen ist ursprünglich Gegenstand des Requiems. Lediglich der Name des oder der Toten wird in den Gedenkmessen etwa zum Jahrestag des Todes genannt. Vorgestellt wird die jenseitige Gegenwart, in der sich die Toten nun bereits befinden und deren Prüfungen und Heilserwartung Glaubensgewissheit ist: die ewige Anschauung Gottes, die Vereinigung aller Seelen in Christus sowie zuvor die Läuterung und schmerzhafte Reinigung von jeglicher individueller Schuld. Doch auch die endgültige Trennung von Gott, ausgemalt als ewige Höllenqualen, steht dem freien Willen des Menschen zur Wahl.

Diese Glaubensgewissheiten vermitteln die Totenmessen in einer festen rituellen Abfolge im gesprochenen Wort oder gregorianischem Gesang, der zeitgenössisch nicht als Gesang, sondern als ein Sprechen mit erhobener Stimme galt. Unangefochten steht die Vermittlung des Textes im Vordergrund des Geschehens. Melismen und melodische Stimmführung dienen nur der Hervorhebung und Dehnung einzelner Silben, der Verlangsamung der Textvermittlung und damit einer intensiveren und immer wieder neu erlebten Begegnung mit dem längst bekannten Wort.

Mit der Reformation entsteht neben der katholischen Tradition der Totenmessen eine protestantische. Werke wie Schütz‘ Exequien (1636) auf die vom Auftraggeber Fürst Reuß für sein eigenes Begräbnis zu Lebzeiten selber zusammengestellten Bibel- und Liedverse, die zugleich seinen Sarg zieren, haben mehr den Versterbenden (das eingedeutschte Nunc dimittis) sowie einen Rückblick auf das individuelle Leben und die conditio humana der steten Mühe und Plage im Blick. Noch heute setzt die protestantische Begräbnistradition ganz auf den Rückblick auf das Leben der Verstorbenen sowie den Trost der Angehörigen in der Verheißung baldiger und sicherer Auferstehung.

Noch Mozart, noch Verdi, noch Fauré – um die geläufigsten Requiem-Kompositionen zu nennen – vertonen freilich nach wie vor in unterschiedlicher Gewichtung und Auswahl die liturgischen Texte der Totenmesse des überlieferten Ritus der katholischen Kirche. Die Fülle des Textes und der geistlichen Inhalte sowie die Textverständlichkeit sind weiterhin gegeben. An ihre Seite aber tritt gleichberechtigt die bewegende musikalische Ausgestaltung der Worte.

Erst im 20. Jahrhundert wird aus dem Requiem eindeutig eine völlig vom individuellen Begräbnis oder der Allerseelenfeier an jedem 2. November losgelöste konzertante Form. Rudolf Mauersbergers Dresdner Requiem für seine zerstörte Heimatstadt mischt den überlieferten liturgischen Texten weitere Bibelverse und Dichtung unter. Sogar das Kyrie wird durch hinzugefügte Worte ergänzt. In prinzipiell vergleichbarer Weise komponiert Benjamin Britten das War Requiem zur Einweihung der nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wiedererrichteten Kathedrale von Coventry (1962). Dichtung und der fiktive Dialog zweier gegnerischer Soldaten fügt den vom Chor zu singenden überlieferten liturgischen Texten den konkreten Zeitbezug und die Engführung des Totengedenkens auf die sinnlosen gewaltsamen und viel zu frühen Tode der jungen Männer hinzu. György Ligeti schließlich versetzt zu den stark reduzierten Textteilen der alten Liturgie mit seinem melodielosen Klangerlebnis aus Clustern und vereinzelten Tönen das Publikum akustisch in gänzlich ruhelose Sphären eines vielstimmigen Jenseits (1965). Mit beklemmenden Klängen und abgrundtiefen Tönen stellt sein Requiem einen Klangraum dar, der Angst und Schmerzen hervorruft und so die Sehnsucht nach Ruhe in den Zuhörenden selber erzeugt.

Während das Requiem den Kirchenraum verlässt und in den Konzertsaal wechselt, wobei die Intellektualität geistlicher Texte und eschatologischer Gedankengebäude hinter aufwühlender Emotionalität drastischer Klangerlebnisse zurücktritt, versetzt das Zweite Vaticanum (1962-1965) auch für den katholischen Gottesdienstgebrauch die überlieferte Liturgie in die zweite Reihe. Nicht ‚verboten‘, wird sie doch fast nur noch von traditionsorientierten Priesterbruderschaften zelebriert. In den Begräbnismessen rücken nun auch die katholischen Priester die Biographie der Verstorbenen und den Trost der Hinterbliebenen in den Mittelpunkt der Feierlichkeit. Die Lehre von den Letzten Dingen wird zum Spezialwissen eines universitären Diskurses. Den Alltag der Menschen kann sie nicht mehr durchdringen. Ihre einzige Brücke in unser Bewusstsein ist derzeit die Chormusik, die mit den jahrhundertealten Vertonungen auch die ursprünglichen Inhalte lebendig hält.

Die Folge ist hier anzuhören.

Cornelie Becker-Lamers

13.10.2026

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