Foto: Uraufführung von Wilfried Krätzschmar (Ekkehard Klemm)
Foto: Uraufführung von Wilfried Krätzschmar (Ekkehard Klemm)

„Wo die Schätze klingen“ – Ein Erzgebirgsoratorium

Es ist von nicht mehr und weniger als von einer Sensation zu berichten! Ein Musikfest in Deutschland startet mit einem ca. einstündigen Oratorium neuester Musik!

Nicht in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg, Köln oder München, wo zeitgenössische Musik in der öffentlichen Wahrnehmung kultureller Ereignisse viel mehr im Fokus steht, sondern im Erzgebirge, dem gern eine eher konservative Ausrichtung, in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche sogar ein Hang zu autoritären Konzepten nachgesagt wird. Hier, im Herz kirchenmusikalischer und religiöser Traditionen setzt der Intendant des „Musikfest Erzgebirge“, Hans-Christoph Rademann – im Hauptberuf Professor für Chordirigieren an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, Künstlerischer Leiter der Gaechinger Cantorey und der Stuttgarter Bachakademie, zudem jüngster (2025) Georg-Friedrich-Händel-Ring-Träger des Verbandes Deutscher KonzertChöre (VDKC) – als Hauptwerk eine Uraufführung auf den Plan. 

Das Auftragswerk aus dem Bleistift von Wilfried Krätzschmar lag fünf Jahre auf dem Schreibtisch des ehemaligen Dresdner Kompositionsprofessors und langjährigen Rektors der Musikhochschule. Mit seiner 1. Sinfonie in Dresden und den „Heine-Szenen“ in Leipzig (beide in den späten 70er bzw. frühen 80er Jahren) galt Krätzschmar in jungen Jahren als skandalumwitterter Avantgardist der DDR. Nun fließt die gesammelte Erfahrung eines reichen sinfonischen Schaffens (u. a. 6 Sinfonien), mehrerer chorsinfonischer Werke, einer Oper („Schlüsseloper“, UA 2006 in Dresden an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber) sowie eines umfangreichen kammermusikalischen Œuvres des inzwischen 82-jährigen Komponisten in das neue Werk, das von großartiger Wirkung und Geschlossenheit ist: Farbig, aufwühlend ebenso wie sensibel meditierend, kontrastreich, dissonant wie auch diatonischen Klängen sich nicht verwehrend, dennoch nie sich billig anbiedernd. 

Die Mitwirkenden waren ebenso berührt und ergriffen wie ein Großteil des Publikums, dem die ungewöhnliche Materie sicher alles andere als geläufig war. Der eine oder andere Kopf wurde durchaus geschüttelt ob des Gehörten – am Ende überwog dennoch ein wirklich begeisterter Applaus. Das Wagnis war gelungen!

Der Titel „Wo die Schätze klingen“ sollte dabei ebenso an die bergmännischen wie musikalischen Traditionen erinnern. Intendant Rademann verwies außerdem auf die einstmaligen Sängerfeste in Schneeberg, die vor 180 Jahren eine durchaus revolutionäre Ausrichtung hatten und zu den vorwärtsweisenden Impulsen einer Zeit im Umbruch gehörten. In einem bemerkenswerten Buch über das Männerchorwesen zwischen 1815 und 1848 schreibt Sebastian Nickel: „In Mitteldeutschland wurde der in Vereinen organisierte Männergesang wesentlich durch den Frühliberalismus und dessen bürgerliche Emanzipationsforderungen beeinflusst. In Liedern und öffentlichen Reden, vorgetragen auf Konzerten und bei Sängerfesten, spielten Ziele wie Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit, die Überwindung von Standesschranken […] eine wichtige Rolle.“[1]

Diese Traditionslinien aufzugreifen und neu zu beleben, war das Anliegen des Musikfestes, dessen Intendant selbst aus einem Kantorenhaus in Schwarzenberg stammt, durch den Dresdner Kreuzchor geprägt wurde und ein mittlerweile international bekannter Dirigent mit dem Schwerpunkt Chormusik ist. So fanden sich – an unterschiedlichen Orten einstudiert und von verschiedenen Chorleiter*innen betreut – nicht weniger als fünf Kantoreien aus Annaberg-Buchholz, Schwarzenberg, Gelenau, Thum und Ehrenfriedersdorf, der Jugendchor der Evangelischen SchulGemeinschaft Erzgebirge, ein Ensemble ehemaliger Kruzianer (Ensemble Twentytwo) sowie die im Verband Deutscher KonzertChöre organisierten Chöre VICA Ensemble, Kammerchor TASK und Kammerchor cantamus dresden als mit zeitgenössischen Formaten vertraute Ensembles zusammen. Mit ihrer professionellen Erfahrung unterstützte die Erzgebirgische Philharmonie Aue die Aufführung, bei der anfangs noch eine Kantate von Fanny Hensel erklang. Mit glasklarem Sopran und silbrigem Ton gestaltete Maria Hänsel den solistischen Sopranpart, während der „Krätzschmar-erfahrene“ Andreas Scheibner die Bariton-Partie übernommen hatte und – stark in Ton wie Gestaltung – an die kürzlich erklungenen „Gesänge für Bariton und Orchester“ (UA in Dresden, 2025) anknüpfte. Anna-Maria Tietze war beim „Lobgesang“ der Fanny Hensel eine sichere und klangschön gestaltende Mezzosopranistin. 

Das Panorama des neuen Werkes von Wilfried Krätzschmar startet mit zarten Streicherclustern, über denen sich – zwar dissonant, jedoch farbenfroh leuchtend – klingendes Schlagwerk entfaltet, mit dem nach einem großen Bogen über sieben Teile und einem gemeinsamen Gesang mit dem Publikum das Oratorium auch endet, die gewonnene Harmonie und Einheit damit durchaus mit einem Fragezeichen versehend, mehr noch vielleicht: Mit einer Aufforderung. Zwischendurch werden in reichen Bildern, in zarten Episoden wie in zupackenden Fanfaren und Schlagwerkkaskaden das Singen, die Landschaft, die „Tiefe der Zeit“, der „Bergleut Reigen“ beschrieben. Zentral steht ein Spruch in Teil 6 mit den Worten: 

„Wo Klänge wohnen,
wo Töne Obdach haben,
wohlbehaltenes Geschick - 
wo Musik zu Heimat wird
und Heimat zu Musik.“

Dem folgt das ausgedehnte Finale unter der Überschrift „Horizonte“ mit einer Collage erzgebirgischer Ortsnamen, die sich an der Ersterwähnung erzgebirgischer Kantoreien vorreformatorischer Zeit bis 1756 orientieren. Schon einmal hat Wilfried Krätzschmar eine ähnliche Collage entworfen – in seinen „Heimatlandschaften“ von 1989, komponiert für die Singakademie Dresden und seinerzeit zu den Musikfestspielen (unter Rademanns Mitwirkung) mit Christian Hauschild am Pult uraufgeführt. Der Autor dieser Zeilen beschreibt a. a. O. den Schluss des Werkes: „Die zwischen 1986 und 88 entstandene Komposition nimmt einerseits auf den Auftraggeber, einen ambitionierten Amateurchor, Rücksicht und überfordert nicht durch schwer ausführbare melodische oder harmonische Konstruktionen, spart indessen anspruchsvolle und äußerst ambitionierte Strukturen keinesfalls aus. Hilfestellung bietet genau an dieser Stelle das Prinzip der Collage und der Aleatorik. Zum – auch humoristischen – Höhepunkt gerät auf diese Weise das abschließende „Panorama“, ein üppiges musikalisches Bild über mitteldeutsche Eigenheiten, Zitate, Bilder und vor allem: Ortsnamen. Von „Adamshöhe“ über „Bärenklau“ bis hin zu „Zwackau, Zwenkau, Zweifelbach“ wird ein ganzes Kompendium zum Abschluss des Werkes in Töne gefasst…“[2]

In der neuen musikzeitung (nmz) resümierte Michael Ernst am 08.09.2026: „Eine schier bezwingende Komposition also von heute, die dem musikalischen Schaffen der Vergangenheit einer ganzen Region gewidmet ist.“ 

Dass dabei vom Verband Deutscher KonzertChöre drei Ensembles federführend und unterstützend dabei waren und der aktuelle Georg-Friedrich-Händel-Ring-Preisträger Hans-Christoph Rademann den Kriterien der Verleihung dieses bedeutenden Preises alle Ehre machte, sei an dieser Stelle mit Freude festgehalten: Sie wird alle vier Jahre an Personen verliehen, „die es verstanden haben, die Pflege wertvoller Chormusik aller Zeiten und Länder mit einer musikerzieherischen Leistung von Rang und Ausstrahlung zu verbinden.“[3] Das Musikfest Erzgebirge hat sich mit dieser Uraufführung den Status des Besonderen erarbeitet. Andere Feste werden sich an dieser „musikerzieherischen Leistung“ messen lassen müssen!

Im Erzgebirge selbst gab es dieses Jahr weitere hochkarätige Veranstaltungen: Corinna Harfouch las am 06.09.2026 in Thum Gedichte Johann Christian Günthers, begleitet von Stefan Maass. Václav Luks bringt mit Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704 Musik von Durante, Scarlatti und Zelenka nach Thalheim. Einen Tag später feierte German Brass in Schwarzenberg-Neuwelt sein 50-jähriges Bestehen. Besonders gut zum Anspruch des Festivals passten zwei Veranstaltungen, bei denen tatsächlich musikalische Schätze gehoben werden. Am 08.09.2026 führte das Ensemble Polyharmonique in Mildenau Werke auf, die in Kirchenarchiven von Augustusburg und Schwarzenberg wiederentdeckt wurden. Darunter ist Samuel Seidels lange verschollenes Geistliches Ehren-Kräntzlein. Am kommenden Wochenende wird es dann buchstäblich unterirdisch: LaTriviata München improvisiert am 12.09. eine Oper in den Zinnkammern Pöhla. Den Schlussstein setzt einen Tag später Mendelssohns Elias in der Schwarzenberger St. Georgenkirche, mit dem Dresdner Kammerchor und der Capella Cracoviensis unter Rademanns Leitung.

Ekkehard Klemm

11.09.2026

 
[1] Sebastian Nickel, Männerchorgesang und bürgerliche Bewegung 1815–1848 in Mitteldeutschland; Wien/Köln 2013; Klappentext
[2] Ekkehard Klemm: „SCHLÜSSEL-Erlebnisse mit Wilfried Krätzschmar; in: W. K. und sein kompositorisches Werk, Hrsg. von Matthias Herrmann, Baden-Baden, 2024; S. 136
[3] Kriterien der Vergabe sh. www.vdkc.de/verband/bundesverband

Veranstaltungen der Mitgliedschöre

Wenn es Dunkel Wär'
12.09.2026 17:00 - 18:00
Remagen
Kammerchor Bad Neuenahr-Ahrweiler


„Lieblingsstücke“ – Chorkonzert mit Orgel zum 20jährigen Bestehen der Capella Moguntina
12.09.2026 18:00 - 19:30
Neuberg/Rüdigheim
Vokalensemble Capella Moguntina


1 Sommernacht - 7 Chöre
12.09.2026 19:00 - 23:00
Hannover
Chorensemble Hannover


"Wach auf meins Herzens Schöne" - Liebesliederwalzer und mehr!
12.09.2026 19:30 - 21:00
Mannheim
Chamber Choir of Europe


Nacht der Kirchen
12.09.2026 20:00 - 21:00
Hamburg
Bergedorfer Kammerchor


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