Michael Ostrzygas „… contre les ennemis … (Variations sur L’homme armé)“ erstmals aufgeführt
Unter dem Titel „Advance Democracy“ führte der Kammerchor der Universität Göttingen unter der Leitung von Antonius Adamske am 6. September 2026 ein äußerst anspruchsvolles Programm auf. Verkörpert durch Francis Poulencs „Figure humaine“ und das titelgebende „Advance Democracy“ von Benjamin Britten bildeten die Fragen nach Krieg, Frieden, Demokratie und Kunst den inhaltlichen Rahmen der Aufführung.
Durch die wiederkehrende mittelalterliche Chanson „L’homme armé“ („Den Mann in Waffen muss man fürchten“) wurde den Zuhörenden die Allgegenwärtigkeit des Krieges immer wieder ins Gedächtnis gerufen.
Anlässlich des Konzerts hatte der Kölner Universitätsmusikdirektor Michael Ostrzyga „… contre les ennemis … (Variations sur L’homme armé)“ komponiert. Die Musik in diesem Werk folgt keiner „idée fixe“, sondern baut sich in Schichten auf. Blickt man langsam über die Wand eines jahrhundertelang rituell genutzten Raumes – etwa einer Höhle oder einer Kirche –, sieht man bruchstückhafte Bemalungen, die teilweise erhalten, teilweise verfallen sind. Unter diesen Bemalungen liegen wiederum ältere Schichten frei, die selbst beschädigt sind und den Blick auf noch ältere Spuren freigeben. Für die Komposition bedeutet dies: Verschiedene Zeitebenen und Fragmente liegen übereinander und verschieben sich gegen- und ineinander. Auch die Anweisungen für den Chor folgen diesem Prinzip. Die Singenden setzen zu Beginn des Stückes zeitgleich mit individuellen Tempi ein, die mithilfe eines Metronoms eingestellt werden, was eine vielfache Überlagerung der Stimmen zur Folge hat.
Die musikalischen Ausgangsmaterialien der Komposition sind Fragmente des satirischen Quodlibets „Il sera pour vous conbatu / L’homme armé“ sowie Messvertonungen der Chanson von Johannes Ockeghem und Johannes Tinctoris aus dem 15. Jahrhundert. Ostrzyga zerlegt in seinem Werk die Melodie von „L’homme armé“ in ihre kleinsten Bestandteile.
Zusätzliche Variationen entstehen durch die Überlagerungen und Untergrabungen von François Villons „Ballade contre les ennemis de la France“. Auch hier löst Ostrzyga die Texte aus ihrem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang, kombiniert sie neu und konterkariert sie. So wird das Kyrie jäh von Villons Fluchgedicht unterbrochen; die Friedensbitte „Da pacem, Domine“ wird ausgesprochen gewaltsam vertont; das nizänische Glaubensbekenntnis steht neben drastischen Bildern der Bestrafung von Feinden. Durch dieses betonte Durcheinander bleiben historische Bezüge erahnbar, werden aber bei näherer Betrachtung unscharf. Die genannten Feinde sind austauschbar; nur die Vorstellungen von Bedrohung, Verteidigung und Kampf, verbunden mit dem Anspruch auf Land, Besitz, Wahrheit oder Seelenheil, bleiben konstant.
Am Ende der Komposition verhallen folgende lateinische Worte nebeneinander: „Und ich erwarte die Auferstehung der Toten“ – eventuell ermöglicht durch jemanden? – „den einzigen, der für uns kämpft“. Am Schluss erklingt lapidar in allen Stimmen: „pro nobis“ – „für uns“.
Jannik Martin Meier
03.11.2026




