Chorleitungsprofessor Mihály Zeke seit Ende 2025 am Dirigentenpult
Die Mainzer Altstadtkirche St. Ignaz ist von erwartungsvoller Stille erfüllt. Rund 60 Sängerinnen und Sänger der Frankfurter Kantorei stehen in gemischter Aufstellung vor dem Altar, die Noten sind geöffnet, der Blick auf den Dirigenten gerichtet.
Gedanklich bereiten sich die Sängerinnen und Sänger auf ihren ersten Ton vor. „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?“ Der Großteil des Chores hat diese Brahms-Motette bereits unzählige Male gesungen. Dennoch ist die Anspannung so groß, als wäre es das erste Mal vor Publikum. Schließlich ist es eine Premiere nach dem Wechsel des musikalischen Leiters.
Im Frühjahr 2025 hatten die Mitglieder der Frankfurter Kantorei Mihály Zeke, den Professor für Chorleitung an der Hochschule für Musik in Mainz, zu ihrem fünften Dirigenten in der über 85-jährigen Geschichte des Chores gewählt – nach ihrem Begründer Kurt Thomas, dem kürzlich verstorbenen Helmuth Rilling, Wolfgang Schäfer und Winfried Toll. Seit Ende 2025 arbeitet der Chor unter neuer Leitung. Der letzte Wechsel lag 28 Jahre zurück. Nur wenige der heute aktiven Sängerinnen und Sänger haben diesen miterlebt.
Ein Wechsel am Dirigentenpult bedeutet mehr als eine personelle Veränderung. Nach fast drei Jahrzehnten müssen sich Chor und musikalischer Leiter gegenseitig kennenlernen – musikalisch wie menschlich. Einerseits sind die Chorist*innen neugierig und freuen sich auf Neues. Ähnlich beschreibt Zeke die erste Kennenlernphase: „Man weiß noch nicht, was die nächste Probe bringt. Aber das macht es magisch!“ Andererseits sind auch Stimmen der Verunsicherung aus dem Chor zu hören: „Komme ich mit dem Dirigat und der Art zu proben zurecht?“ „Werde ich den neuen musikalischen Anforderungen gerecht?“ Ein solcher Wechsel verlangt von beiden Seiten, Gewohntes zu hinterfragen, um ein gemeinsames musikalisches Profil zu erarbeiten. Gerade in einem Ensemble wie der Frankfurter Kantorei ist ein solcher Prozess von besonderer Bedeutung. Der Chor stellt hohe musikalische Ansprüche, besteht aber aus engagierten Laien. Jedes Mitglied stellt sich daher die Frage, ob es bereit ist, auch neue künstlerische Wege mitzugehen und den Wechsel als Chance zu begreifen, Strukturen zu erneuern und zu stärken.
Für den ersten Auftritt mit der Frankfurter Kantorei entschied sich Zeke für ein anspruchsvolles A-cappella-Programm, das ein sofortiges Eintauchen in eine intensive Probenarbeit erforderte. „A-cappella zu singen, ist wichtig für jeden Chor. Das stärkt das Selbstvertrauen. Außerdem bot dieses Programm die Möglichkeit, den Chor in kurzer Zeit besser kennenzulernen und dabei zu zeigen, was mir musikalisch wichtig ist.“ Ansonsten aber plant der griechisch-ungarische Chorleiter, die Bandbreite der Chorliteratur zu erschließen: „Das ist mit der Frankfurter Kantorei auf hohem Niveau möglich.“ Zeke arbeitet mit Hochschulchören und professionellen Ensembles, schätzt aber auch die Kontinuität eines Konzertchores wie der Kantorei. „Die regelmäßigen Proben ändern die Art, wie Menschen miteinander musizieren. Es entsteht eine Vertrauensbeziehung.“
Mit dem ersten „Warum?“ löst sich die erwartungsvolle Stille in Klang auf. Der Moment markiert das Ende des Wartens – und den Beginn eines gemeinsamen Weges. Wohin dieser Weg führen wird, werden die kommenden Jahre zeigen. Der langanhaltende Applaus am Ende des Konzerts lässt jedoch erahnen, dass Chor und Dirigent einen vielversprechenden Anfang gemacht haben.
Rina Prinz-Sanchome
20.07.2026



