Bach hören lernen – wenn aus Zuhören Begegnung wird
Ein Achtklässler läuft nach dem Projekt durch das Schulhaus und singt laut „Gottes Lamm, mein Bräutigam“. Für die Lehrkräfte war diese Szene besonders bemerkenswert: Der Schüler gilt im Unterricht eher als auffällig und nicht als jemand, von dem man ein besonderes Interesse an musikalischen Inhalten erwarten würde.
Für uns wurde dieser Moment zum Sinnbild des Projekts „Bach hören lernen“.
Vom 19. bis 22. August 2026 war das Walkenried Consort im Rahmen des VDKC-Projekts „Land in Klang – Teilhabe durch Chormusik“ in Ellrich zu Gast. Im Mittelpunkt standen ein Werkstattkonzert mit rund 40 Schülerinnen und Schülern der Oberschule Ellrich und ein öffentliches Konzert am folgenden Tag in der Netzwerkkirche. Viele Jugendliche hatten zuvor noch nie einen Chor live gehört und kaum je Erfahrungen mit klassischer Chormusik gesammelt. In einer vorausgehenden Projektwoche hatten sie sich jedoch mit ihrer Musiklehrerin auf Bach und die Epoche des Barock vorbereitet.
Als das Ensemble erstmals sang, war die Überraschung unmittelbar spürbar. Aus anfänglicher Zurückhaltung wurde schnell Neugier. Die Schülerinnen und Schüler hörten zunächst einer Probe zu und erschlossen anschließend gemeinsam mit Dirigent und Ensemble, wie Bach mit Text, Klang und Mehrstimmigkeit arbeitet. An Beispielen aus „Jesu, meine Freude“ wurden Textausdeutung, einzelne Stimmen und polyphone Strukturen hörbar gemacht. Hinzu kamen Höraufgaben, die Vorstellung der Laute als barockes Instrument und das eigene Singen des Chorals in unterschiedlichen Gestaltungen.
Ein wichtiger Teil waren rund 25 Minuten für den Austausch in Kleingruppen. Anfangs hatte es auch im Ensemble Unsicherheit gegeben, wie sich das Gespräch mit den Jugendlichen entwickeln würde. Diese Vorbehalte verschwanden schnell. Die Schülerinnen und Schüler stellten zahlreiche Fragen und zeigten eine Konzentration, von der sich auch die Lehrkräfte beeindruckt zeigten.
Die Wirkung reichte über die Schule hinaus. Beim öffentlichen Konzert saßen viele Schülerinnen und Schüler in den ersten Reihen. Zum Abschluss sangen sie gemeinsam mit dem Ensemble noch einmal „Jesu, meine Freude“. Besonders erfreulich war, dass zahlreiche Eltern und Verwandte ihrer Einladung gefolgt waren. Nach unserer Schätzung gehörte etwa die Hälfte der rund 400 Konzertgäste zu diesem Umfeld. Die Kirche war nahezu vollständig gefüllt – für Ellrich eine besondere Resonanz. Mehrere Erwachsene machten deutlich, dass sie vor allem wegen der Kinder gekommen waren. So erreichte das Konzert auch Menschen, die sonst kaum Berührung mit einem solchen Konzertformat oder klassischer Chormusik gehabt hätten.
Die größte Herausforderung lag bereits vor der ersten Probe: in der Finanzierung. Ein professionell besetztes Ensemble, Reise- und Übernachtungskosten sowie ein eigenständiges Vermittlungsformat lassen sich im ländlichen Raum nicht allein über Eintrittseinnahmen tragen. Das Projekt war deshalb unmittelbar auf Förderung angewiesen. Dank der Unterstützung durch den Verband Deutscher KonzertChöre (VDKC) und die Deutsche Postcode Lotterie konnte das Projekt erfolgreich realisiert werden.
Für das Walkenried Consort bleibt vor allem die Erfahrung, dass musikalische Vermittlung nicht bei Vorwissen beginnen muss. Neugier, unmittelbares Hören, eigenes Singen und persönliche Begegnung können Zugänge zu Musik schaffen, die zunächst weit entfernt erscheint. Die Lehrkräfte würden ein solches Projekt gern wiederholen, und auch wir können uns eine erneute Zusammenarbeit mit der Oberschule Ellrich sehr gut vorstellen – vorausgesetzt, eine entsprechende Förderung ermöglicht den notwendigen Rahmen.
Maximilian Höslinger
03.11.2026
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