Praktische Einblicke, offener Erfahrungsaustausch und konkrete Arbeit an eigenen Konzertideen
Wie können Chorkonzerte über die klassische Konzertsituation hinaus gedacht werden? Wie lassen sich Raum, Bewegung, Licht oder andere Kunstformen einbeziehen, ohne dass die Musik dabei zur Nebensache wird? Und wie gelingt es, das Ensemble und das Publikum auf dem Weg zu neuen Konzertformaten mitzunehmen?
Diesen und weiteren Fragen widmete sich am 11. September 2026 der zweite VDKC-Praxistag der Reihe „Chor. Konzert. Konzepte. – Konzertformate neu denken“ in Berlin im Rahmen des VDKC-Projekts „Wissensbrücke Chorwelt: Vernetzen. Agieren. Teilen“, gefördert aus den Mitteln des Amateurmusikfonds des Bundesverbandes Chor & Orchester (BMCO). Teilnehmende aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und verschiedenen Chorstrukturen kamen im Chorsaal der Heilandkirche zusammen. Mit Rachel-Sophia Dries, Direktorin des Rundfunkchores Berlin, und der Chorleiterin und Konzertdesignerin Inga Brüseke gaben zwei erfahrene Referentinnen Einblicke in die Entwicklung und praktische Umsetzung besonderer Konzertformate.
Neue Konzertformate aus der Praxis des Rundfunkchores Berlin
Nach der Begrüßung und thematischen Hinleitung über weitere besondere VDKC-Konzertprojekte eröffnete Rachel-Sophia Dries den fachlichen Teil mit Einblicken in die Arbeit des Rundfunkchores Berlin. Seit vielen Jahren beschäftigt sich das professionelle Ensemble mit Konzertformen, die über die klassische Gegenüberstellung von Chor und Publikum hinausgehen. Chormusik wird dabei unter anderem mit Tanz, Choreografie, Videokunst und weiteren künstlerischen Ausdrucksformen verbunden und immer wieder an Orte außerhalb klassischer Konzertsäle gebracht. Ziel ist es, Chormusik in neuen Kontexten erlebbar zu machen und neue Zugänge für das Publikum zu schaffen.
Anhand konkreter Produktionen zeigte Frau Dries, wie unterschiedlich solche Ansätze umgesetzt werden können. Beim „human requiem“ nach Brahms' „Ein deutsches Requiem“ wurde beispielsweise die räumliche Trennung zwischen Publikum und Ausführenden aufgehoben. Die Chormitglieder bewegten sich während der Aufführung durch den gemeinsamen Raum. Beim 2025 entstandenen „Flying Mozart“ traf Mozarts Requiem auf Hip Hop-Beats und die Urban Dance Company Flying Steps.
Chordirektorin des Rundfunkchors Berlin (Sebastian Winkler)
Besonders wertvoll waren dabei die offenen Einblicke in die praktische Arbeit hinter den fertigen Produktionen. Frau Dries berichtete nicht nur von erfolgreichen Konzepten, sondern ebenso von Planungsprozessen, Widerständen und Herausforderungen. Gerade ungewöhnliche Spielstätten bieten besondere künstlerische Möglichkeiten, stellen die Beteiligten aber auch vor ganz praktische Herausforderungen. Bei einer Produktion musste beispielsweise zunächst die notwendige Infrastruktur für den Konzertbetrieb eingerichtet werden. Die weiterhin dort lebenden Tauben ließen sich davon allerdings wenig beeindrucken und hinterließen ihre Spuren schließlich auch auf Flügel und Garderobe.
Die Anekdote verdeutlichte auf anschauliche Weise einen wiederkehrenden Gedanken des Nachmittags: Nicht alles lässt sich planen. Theorie und Praxis können auseinanderliegen und gerade bei ungewöhnlichen Formaten ist Flexibilität gefragt. Ebenso wichtig sei es, alle Beteiligten frühzeitig mitzunehmen, Erwartungen zu klären und neben den organisatorischen Abläufen auch das „Warum“ eines Projektes zu vermitteln.
Auch Nervosität oder Widerstände innerhalb eines Ensembles können Teil eines solchen Prozesses sein. Im Austausch wurde deutlich, wie wichtig offene Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen sind, um diese produktiv aufzugreifen und gemeinsam neue Wege zu gehen.
Vom Programm zur Konzertdramaturgie
Inga Brüseke knüpfte anschließend mit Erfahrungen aus ihrer Arbeit mit ambitionierten Amateurensembles an. Ausgangspunkt ihres Impulses war eine grundlegende Frage: Was soll das Publikum nach einem Konzert mit nach Hause nehmen und wie kann es durch ein Programm berührt und begeistert werden?
Von dort aus stellte Frau Brüseke verschiedene Möglichkeiten der Programmentwicklung und Konzertdramaturgie vor. Ausgangspunkt kann ein Thema, ein konkreter Anlass, ein besonderer Raum oder auch ein einzelnes Werk sein. Entscheidend ist anschließend, aus den einzelnen Bestandteilen ein schlüssiges Ganzes und einen überzeugenden Spannungsbogen zu entwickeln.
Ein besonderes Konzertformat muss dabei keineswegs automatisch eine aufwendige Inszenierung bedeuten. Bereits Veränderungen der gewohnten räumlichen Situation können neue Hörerfahrungen ermöglichen. Ein Chor kann das Publikum umgeben, aus unterschiedlichen Positionen im Raum singen oder die klassische Trennung zwischen Aufführenden und Zuhörenden auf andere Weise durchbrechen. Ergänzend können Texte, Moderation, Licht, Gesten, Bewegung oder visuelle Elemente eingesetzt werden.
Wichtig bleibt dabei stets die Frage, ob die gewählten Mittel zum musikalischen Inhalt und zum jeweiligen Chor passen. Frau Brüseke plädierte deshalb dafür, ein Konzert nicht mit zusätzlichen Elementen zu überladen, sondern wenige Mittel bewusst und konsequent einzusetzen.
Unterschiedliche Voraussetzungen, gemeinsame Fragen
Gerade im Zusammenspiel der beiden Impulse wurde ein spannender Aspekt des Praxistags sichtbar. Die Arbeitsbedingungen eines professionellen Rundfunkchores unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von denen ehrenamtlich getragener Konzertchöre. Probenstrukturen, zeitliche und finanzielle Möglichkeiten sowie verfügbare personelle Ressourcen setzen jeweils andere Rahmenbedingungen.
VDKC-Generalsekretär Ralf Schöne im Gespräch
mit den Referentinnen (Sebastian Winkler)
Im gemeinsamen Gespräch rückten jedoch immer wieder Fragen in den Mittelpunkt, die beide Bereiche verbinden: Wie nimmt man Sängerinnen und Sänger bei Veränderungen mit? Wie viel Neues kann und möchte ein Ensemble tragen? Wie findet man passende künstlerische Partnerinnen und Partner? Und wie lässt sich eine große Idee so an die eigenen Möglichkeiten anpassen, dass ein überzeugendes Konzert daraus entstehen kann?
Die herzliche und offene Art des Austauschs mit beiden Referentinnen bot dabei Raum, neben erfolgreichen Projekten ausdrücklich auch Schwierigkeiten, Umwege und weniger geglückte Erfahrungen anzusprechen. Gerade dadurch erhielten die Teilnehmenden praxisnahe Einblicke in die tatsächlichen Prozesse hinter innovativen Konzertformaten.
Eigene Konzertideen gemeinsam weiterentwickeln
Die Teilnehmenden waren bereits vor dem Praxistag gebeten worden, eine eigene Konzertidee mit nach Berlin zu bringen. Für die anschließende Kleingruppenarbeit wurde eine bereits beim ersten Praxistag vorgestellte Methode von VDKC Generalsekretär Ralf Schöne erneut aufgegriffen. In mehreren kurzen Austauschrunden wurden die vorbereiteten Ideen einander vorgestellt und schrittweise ausgewählt, sodass einzelne Ansätze anschließend in Kleingruppen vertieft werden konnten.
Die Bandbreite der mitgebrachten Ideen spiegelte die unterschiedlichen Hintergründe der teilnehmenden Chöre wider. Die Konzepte reichten von ungewöhnlichen Konzertorten, beispielsweise einer Tropfsteinhöhle, bis zur Verbindung von Chormusik mit Tanz, Licht, Texten und visuellen Elementen. Auch unterschiedliche Positionierungen von Chor und Publikum im Raum spielten bei mehreren Überlegungen eine Rolle.
Durch die konkrete Vorbereitung konnte die Gruppenarbeit unmittelbar in die Tiefe gehen. Fragen zu Dramaturgie, praktischer Umsetzbarkeit und Wirkung auf das Publikum wurden direkt an den ausgewählten Vorhaben diskutiert und weiterentwickelt. Einige Aspekte aus den vorherigen Impulsen von Rachel Sophia Dries und Inga Brüseke fanden so unmittelbar Eingang in die Arbeit an den eigenen Konzertideen.
Der zweite Praxistag der Reihe machte deutlich, wie vielfältig die Ausgangspunkte für neue Konzertformate sein können. Innovation muss dabei nicht zwangsläufig eine große Produktion oder den Einsatz zahlreicher zusätzlicher Elemente bedeuten. Entscheidend ist vielmehr, passende Ideen für den eigenen Chor und sein Publikum zu entwickeln und diese musikalisch wie organisatorisch überzeugend umzusetzen.
Der VDKC dankt Rachel-Sophia Dries und Inga Brüseke sowie allen Teilnehmenden für die zahlreichen Einblicke in ihre Arbeit, ihre Offenheit und den intensiven gemeinsamen Austausch.
Sebastian Winkler
29.09.2026





