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Singalong am 20.01.2018 mit Händels Messiah unter Leitung von Wolfgang Seeliger in Darmstadt Drucken E-Mail

Solisten und Darmstädter Hofkapelle führten Mitsingchor souverän durch Händels Meisterwerk

Thumbnail imageEine freudig-erregte Grundstimmung liegt in der Luft an diesem Samstag Januar-Abend in der modernen Christuskirche in Darmstadt-Eberstadt. Gedränge herrscht am Einlass, die Plätze sind streng nach Stimmfach eingeteilt. Soprane links, Bässe rechts, in der Mitte Alt und Tenor. Klavierauszüge kommen zum Vorschein, Sitznachbarn werden begrüßt. Einige der Angekommenen halten noch Ausschau nach geeigneten Plätzen. Es geht schließlich darum, und so verspricht es auch die Ankündigung im Flyer, die kommenden rund 150 Minuten optimal am musikalischen Geschehen teilhaben zu können. Man will ganz mittendrin sein. Viele haben ihren Platz schon gefunden und tauschen sich eifrig mit Gleichgesinnten aus. Auf den Bankreihen der Sopran- und Altstimmen ist die Auswahl schon stark eingeschränkt. Anders bei den Männerstimmen, wo noch reichlich Auswahl zur Verfügung steht. Dies hier ist nicht einfach eine Chorprobe. Wer Einlass begehrt, muss ein Ticket vorweisen sowie die richtigen Noten. Zum ‚Singalong’ hat Wolfgang Seeliger gerufen, und viele sind gekommen. Allen ist eines gemeinsam: Sie haben den Klavierauszug von Georg Friedrich Händels großartigem Oratorium „Messiah“ mitgebracht, um daraus gemeinsam zu singen.

‚Singalong’ lässt sich am besten als ‚Mitsingkonzert’ übersetzen. Man kommt zusammen und musiziert aus dem Stand. Es gibt keine Probe, nur den Ernstfall. Im Idealfall kennt man natürlich das Stück gut und kann sich ad hoc erinnern. Der Notentext muss zuverlässig abrufbar sein, erst dann macht es richtig Spaß, sich auf die freiwillig zusammen gekommene Schar der Sängerinnen und Sänger einzulassen. Dieses Format ist andernorts derart beliebt, dass regelmäßig etwa die Royal Albert Hall restlos besetzt ist. Es geht hier jedoch ausdrücklich nicht um die bloße Masse des Chores oder um Klanggewalt. Das gemeinsame Gestalten und Erleben steht im Mittelpunkt und erhebt Anspruch an die Qualität der Aufführung. Und nicht nur die Chöre werden gesungen, auch die Arien können von allen mitgesungen werden.

So ganz ohne Ausprobieren wollte Wolfgang Seeliger das Werk daher dann doch nicht zur Aufführung bringen. Schließlich sieht er sich als Dirigent mit derlei Aktivitäten letztlich auch in der Verantwortung gegenüber dem Komponisten und der extrem vielfältigen Rezeptionsgeschichte seines Werkes. Und so tat Seeliger gut daran, die zufällig zusammengewürfelte Chorgemeinschaft vorher auf sein Dirigat einzuschwören. Den wohl bekanntesten Chor des Werkes, das berühmte „Hallelujah“, gab es zu Beginn des Abends probeweise mit diversen Tempo-Situationen und in überraschender Dynamik, Fermaten inklusive. Reaktion war gefordert, und aufpassen musste, wer da nicht unfreiwillig zum Solisten werden wollte. Vorher allerdings gab es – wie bei einer richtigen Chorprobe – ein Einsingen, das nicht nur die Stimmen erwärmte, sondern bereits eine Orientierung bot, in welche klangliche Richtung sich der Abend entwickeln könnte.

Gewiss ist Händels „Messiah“ mit seinen virtuosen Chören und Fugen und dem englischen Originaltext nicht das ideale Werk für ein Singalong. Es ist jedoch ein populäres und sehr beliebtes Oratorium, das durchaus zum Standard-Repertoire eines Konzertchores gehört. Erst im Dezember bestritt der Konzertchor Darmstadt selbst drei Aufführungen der Originalfassung. Viele der Arien und Chöre haben Ohrwurm-Qualität. Vor allem jedoch lässt sich das Werk mit einer kleinen Orchesterbesetzung mit Streichern, einer Basso continuo-Gruppe und lediglich 2 Trompeten und 2 Oboen sowie vier Vokalsolisten aufführen. Die enorme Länge des Werkes von rund drei Stunden Aufführungsdauer und der hohe Schwierigkeitsgrad einzelner Chöre ließen sich durch Streichungen reduzieren, ohne das Werk dadurch insgesamt zu beschädigen. Insofern war das Werk für das Darmstädter Singalong doch keine schlechte Wahl. Auch die maßgebliche Unterstützung durch die Hans Erich und Marie Elfriede Dotter-Stiftung war ein gewichtiges Kriterium für die Durchführung.

In seiner launigen Begrüßung beschrieb Wolfgang Seeliger die Rahmenbedingungen eines Singalong und ermunterte die Anwesenden zum beherzten Singen und Hören. Nicht nur die verschiedenen Notenausgaben des Werkes, auch die unterschiedlichen Textfassungen galt es miteinander zu vereinbaren. Entsprechend grün, blau und schwarz schimmerten die Klavierauszüge, und sogar das bläuliche Licht von Tablets war hier und dort auszumachen.

Thumbnail imageMit der Darmstädter Hofkapelle stand ein souverän agierender Klangkörper zur Verfügung. Die barocke Stimmung in 415 Herz ist eine Freude für die Sängerinnen und Sänger. Es ist in der Tat erstaunlich, was dieser halbe Ton Unterschied zur modernen Stimmung an klanglichen Auswirkungen bei barocken Werken bedeutet. Besondere Freude machten die Arien. „Alle singen alles“, so hieß es vorab. Hervorragende junge Solisten bereicherten das Konzert. Vielleicht lag sogar hierin der eigentliche Reiz des Abends. Welcher Chorsänger träumt nicht davon, eine solche Solopartie wie die im „Messiah“ singen zu können? Wenn dann ein beherzt agierender Bariton wie Christian Wagner stimmgewaltig durch das Meer der Koloraturen bei „Why do the nations so furiously rage together“ gleitet, lässt man sich gerne mitnehmen. Es ist, als werde man von einer geheimen Kraft beflügelt. Insofern kann man sich nur wünschen, des öfteren Gelegenheit zu solchen Mitsingkonzerten zu haben. Gemeinsam macht es einfach mehr Vergnügen: „Rejoice greatly“.

VDKC, Ralf Schöne
22.01.2018

 

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